„Klare Wechselseitigkeit“ – „Sei dir im Klaren über Ursache und Wirkung“

Der erste Juli Sonntag beginnt mit Wärme und einer wässrigen Sonne. Doch wir wissen aus der Zazen-Praxis, dass das Leben und somit auch das Wetter so ist wie es ist. Wir üben den gegenwärtigen Augenblick anzunehmen ohne Wenn und Aber. Wir wissen auch wie schwer dies oft ist. Manchmal ist es ganz leicht. Wir sitzen wie ein weißer Schwan. Dann ist es wieder ganz schwer. Der Schwan wird schwarz und schwer. Doch, es bleibt ein Schwan.

Im Shinjin inga, übersetzt „Tiefes Vertrauen in Ursache und Wirkung“ erzählt Dōgen Zenji eine Geschichte.

Werner Kristkeitz Verlag, Shobogenzo, Band 4,

˃Immer, wenn der Zen-Meister Daichi einen Vortrag hielt, war ein alter Mann dort. Immer, wenn die Versammlung beendet war, verschwand er. Eines Tages jedoch blieb er. Der Meister fragte ihn: „Was ist das für ein Mensch, der da vor mir steht?“ Der alte Mann antwortete: „Ich bin kein Mensch. Vor langer Zeit, in den Tagen des Kāsyapa Buddha, war ich Meister auf diesem Berg. Eines Tages fragte mich ein Schüler: `Fällt selbst ein großer Praktizierender Ursache und Wirkung anheim? ` Ich antwortete ihm: „Er fällt der Ursache und Wirkung nicht anheim.“  Seitdem bin ich fünfhundert Leben lang immer wieder in den Körper eines wilden Fuchses heineingefallen. Nun bitte ich Euch, Meister, mir ein Wort zu sagen, das mich verwandelt. … Und dann fragte der alte Mann den Meister: „Fällt selbst ein großer Praktizierender Ursache und Wirkung anheim?“ Der Meister antwortet: „Sei dir über Ursache und Wirkung sehr wohl im Klaren.“ Bei diesen Worten erwachte der alte Mann. Er warf sich vor dem Meister nieder und bat ihn, den Fuchs, den er finden würde hinter dem Kloster mit allen Ehren zu bestatten.

Was ist hier passiert? Ich nenne es die Verdeutlichung der „klaren Wechselseitigkeit“. In unserem Alltag befinden wir uns meistens auf einer Seite der Lebens-Medaille. Emotional sind wir mal traurig, mal froh. Finanziell sind wir mal ausgelastet, mal überlastet. Familiär sind wir mal eng, mal weit. Unsere Körper, unser Geist ist manchmal gesund, manchmal krank. Doch, was bedeutet „klare Wechselseitigkeit? Was bedeutet es, die Fähigkeit von Ursache und Wirkung nicht zu vergessen?

Surreale Landschaft mit einer geteilten Straße und Wegweiser Pfeile zeigt zwei verschiedene Kurse, linke und rechte Richtung zu wählen. Die Straße teilt sich in unterschiedliche Richtung. Schwierige Entscheidung, Wahlkonzept. - Lizenzfrei Wahlmöglichkeit Stock-Foto
Wechsel der Seiten, der Richtungen – doch, wo ist die „klare Wechselseitigkeit?

Normalerweise betrachten wir derartige Verbindungen von Ursachen und Folgen in der Verbindung mit der Außenwelt. Wir hören uns sagen, dass seine oder ihre Taten nicht ohne Folgen sind. Ein/e RaucherIn weiß um die Gefahr. Ein Freeclimer weiß ebenso darum. Ein Mensch, der sich schädlichen Stoffen auf der Arbeit aussetzen muss, weiß manchmal nicht um die Folgen, trägt sie dann aber. Asbest oder Lacke sind ein Beispiel dafür.

In der Zazen-Praxis bleiben wir jedoch nicht bei Ursachen und Wirkungen im Zusammenhang mit der Außenwelt verhaftet. Wir beobachten diese Ursachen und Wirkungen hier bei uns selbst. Bei unserem Körper, bei unserem Geist. Kommt der Gedanke xy bemerken wir, dass wir einen Schweißausbruch bekommen. Bei dem Schmerz in der Schulter merken wir, dass unser Herzschlag sich beschleunigt. Wir beobachten also auf kleinstem großen Raum unsere Ursachen – der Gedanke, das Schmerzempfinden – und die sofortige Aktivität als Wirkung – Schweißausbruch, Anstieg der Herzfrequenz. Ich zitiere noch einmal Dōgen aus dem oben genannten Text „[Ursache und Wirkung] [folgen] einander wie der Schatten einer Gestalt und wie die Schwingung einem Ton, und dass es auch nicht […] ein Tausendstel von Unterscheidung zwischen ihnen gibt.“ (Dōgen Zenji 2013, S. 239)

Was heißt jetzt „klare Wechselseitigkeit“ oder „sei dir im Klaren über Ursache und Wirkung“? Damit ist gemeint, dass wir weder zu sehr auf der einen noch zu sehr auf der anderen Seite wirken. Unsere Übung besteht darin, die Mitte zu halten, zu festigen, auszubauen, die „klare Linie“ sauber und klar bewegen. Da ist Ursache und Wirkung zum selben Zeitpunkt. Da ist der Wechsel der Seiten unsichtbar geworden. Wir bewegen uns genau auf beiden Seiten gleichzeitig. Das ist das Geheimnis von Zazen. Wir atmen ein. Wir atmen aus. Doch die Mitte, der Zeitpunkt, wo wir weder einatmen, noch ausatmen, wo wir einfach keinen Wechsel mehr vollziehen, gelingt uns der Augenblick des Zugleichseins auf beiden Seiten, die absolute Klarheit.

Weder oben noch unten. Nicht schlafend, nicht wachend. Nicht weiß nicht schwarz.

Diese Klarheit gilt nicht nur in dem Augenblick, in der wir sie bemerken, sondern sie gilt immer, auch wenn wir sie nicht bemerken. Doch der Wechsel von den beiden Seiten schwingt uns immer wieder weg von diesem Punkt der „klaren Wechselseitigkeit“ oder der „Klarheit von Ursache und Wirkung“, so dass wir mit jedem Schwung in eine Richtung eine Ursache mit gleichzeitiger Wirkung setzen.

Diese Momente enden nicht. Selbst wenn wir sterben, was im Sinne der Ungetrenntheit identisch ist mit dem leben, endet die „klare Wechselseitigkeit“ und deren Schwingen in die Richtungen nicht. Wir haben nicht mehr dieselbe Gestalt und Form, aber wie sagt Shunryu so schön: „Wenn jemand stirbt, dann mögt ihr sagen, er sei nicht mehr – aber ist es möglich, daß etwas völlig verschwindet? Das ist nicht möglich, genausowenig, wie es möglich ist, daß etwas plötzlich aus dem Nichts auftaucht. Etwas, das hier ist, kann nicht völlig verschwinden. Es kann seine Form ändern, das ist alles. Wir sind also immer eins.“ (Suzuki 2008, S. 181)

Baum-Wachstum drei Schritte In der Natur und schöner Morgen Beleuchtung - Lizenzfrei Wachstum Stock-Foto
So fängt ein Baum an.
Das ist Wachsen. Das ist Wechsel der Seiten, von klein zu groß und wieder von groß zu klein mit neuen Setzlingen, die sich aussäen. Doch, wo und was ist die „klare Wechselseitigkeit“?

Unsere Zazen-Praxis ermöglicht uns daher, immer wieder neu, die „klare Wechselseitigkeit“ sehen zu lernen, um so, so wenig wie möglich uns selbst und anderen weh zu tun. Ja, und dann sind wir wieder beim Herz-Sūtra. Da der Bodhisattva des unbegrenzten Mitgefühls um diese „klare Wechselseitigkeit“ weiß, weiß er auch um die Bedeutung und Größe dieser eigentlich ganz einfachen Übung von Zazen. Sich einfach hinsetzen, schweigen, beobachten, den Atem zählen, sich mit dem Atem vereinen, sich nicht bewegen, um uns dieser „Klarheit“ von Ursache und Wirkung anzunähern, die unser ganzes Leben klärt, ohne dass wir uns besonders anstrengen müssten. Wir sitzen einfach nur und der Himmel öffnet sich von selbst.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen Sonntag.

Ich freue mich weiter auf unser Üben. Möge der Himmel nicht über uns, sondern in uns aufgehen, sich aussäen und vermehren. Für alle!

Tiefes Gassho

Ellen

Wohlstandsgesellschaft und Weisheit

Irgendwie begegnete mir in der letzten Zeit immer wieder das Wort „Wohlstandsgesellschaft“.

Supermarkt, Stände, Kühler, Markt, Lebensmittel, Frisch
Essen im Wohlstand.

Gerade jetzt in einer Zeit, in der eine Angst vor der Pandemie Wache hält, fällt vielen Menschen hier gar nicht auf, was es bedeutet in einer Wohlstandsgesellschaft zu leben und welche Auswirkungen unser aller Tun auf nicht wohl stehende Gesellschaften hat. Was heißt eigentlich „Wohlstandsgesellschaft“?

Obsthändler, Dharwad, Indien, Markt, Verkauf, Obst
Essen ist Arbeit!

In meiner Kindheit, ich bin jetzt 60 Jahre alt, wurde ich im Ruhrpott groß. Meine Mutter wohnte mit uns drei Kindern (mein Vater verstarb früh) in einer Wohnung, die keine Zentralheizung kannte und auch keine angeschlossene Kanalisation. Unsere Toilette war ein Plumpsklo in der Nähe des Gartens. Im sogenannten Badezimmer gab es ein Waschbecken mit kaltem Wasser. Die Badewanne hatte einen Heizkessel, der mit Holz, bei uns in der Regel mit Kohle beheizt werden musste, um baden gehen zu können.

Hölzerne Kompost Toilette - Lizenzfrei Toilette Stock-Foto
Auch ein Plumpsklo kann sauber und ordentlich sein.

Dies ist gerade 60 Jahre her. In diesen 60 Jahren hat sich unsere Welt mehr verändert als je zuvor. Wir haben eine Welt geschaffen, die fiktional aus Zahlenfolgen besteht. Die Heizung wird programmiert. Das Auto wird programmiert. Die Hörgeräte werden programmiert. Der Arbeitstakt wird durch Controlling programmiert. Überall definieren Zahlen unsere Welt.

In meiner Kindheit gab es nicht einmal ein Telefon im Haus. Erst als ich 12 Jahre alt war, also Mitte der 70-er Jahre erhielten wir ein eigenes Telefon. Bis dahin mussten wir in eine Telefonzelle gehen, wenn wir anrufen wollten. Interessanterweise wollte das keiner. Es wurde wirklich nur im Notfall benutzt. Wenn wir Oma und Opa besuchen wollten in Düsseldorf wurde kurz von der Telefonzelle durchgeläutet oder schnell eine Karte geschrieben. Es gab keine O/1 – Folgen. Die Maschinen waren analog gesteuert, d.h. es konnten unendlich viele verschiedene Wertigkeiten entstehen. In der digitalen Welt entstehen sogenannte Teilmengen. Die Ausgangsmenge wird reduziert, auf dass, was wirklich gebraucht wird. Dabei entsteht jedoch immer die Frage: Wer oder was entscheidet, was gebraucht und was nicht gebraucht wird?

Wir bekamen ein Fernsehen ebenfalls Mitte der 70-Jahre. Ich verbrachte also eine Kindheit ohne beständige Erreichbarkeit, ohne „die Sendung mit der Maus, ohne Krümmelmonster, ohne Logo“. War dies eine einfache Kindheit oder eine schwere Kindheit? Was haben wir bloß den ganzen Tag gemacht? Was machten wir, wenn wir aus der Schule kamen? Wie verabredeten wir uns ohne Telefon? Wie ging das überhaupt?

Heute in unserer jetzt über die Jahre erarbeiteten „Wohl-stands-gesellschaft“ können sich die nachfolgenden Generationen gar nicht mehr vorstellen, kein Badezimmer, und sei es auch noch so klein, zur Verfügung zu haben. Die ganze Pandemie hätte anders gelöst werden müssen, wenn es die digitale Welt nicht gäbe. Wäre es nicht einmal ein Gedankenspiel wert, sich vorzustellen, wie eine Schule, eine Arbeitswelt, eine Lebenswelt sich gestaltet ohne digitale Welt? Was könnten wir von dieser Idee lernen und mitnehmen als einen möglichen alternativen Lösungsansatz für derartige Problemfelder?

Die „wohl stehende Gesellschaft“ steht für eine Gesellschaft, die es geschafft hat, einer Gesellschaft, der es gut geht, einer Gesellschaft, die es möglichst jedem ermöglicht, sein Leben in Freiheit zu leben. So scheint es uns zu sein. Doch, dieser Begriff „wohl stehende Gesellschaft“ kann auch anders aufgefasst werden. Ein Computer kann dies nicht lesen. Er liest immer dasselbe. Wohl stehende Gesellschaft. Doch, machen wir eine kleine Veränderung. Wir zeichnen es einmal so: die wohl stehende Gesellschaft? Hier schwingt eine Idee mit hinein, die sich fragt: Steht sie wirklich? Ist sie wirklich gut dastehend? Steht sie wirklich wohl? Es kommt so ein kleiner Zweifel mit hinein.  Ist dies nicht ab und zu berechtigt?

Mann, Nachdenken, Gedanken, Skulptur, Sommer, Gesicht
Ist Zweifel nicht ein Anfang?

Denn in dieser wohl stehenden Gesellschaft wird nicht hinterfragt, worauf sich dieser Wohlstand baut, wo er herkommt, was wir tun, damit es so ist? Doch, es kommt noch ein Fakt hinzu, der total vergessen, ausgeblendet wird.

Dazu eine Geschichte. Vor ca. drei Jahren standen morgens plötzlich drei Männer in meiner Haustür. Wir wohnten gerade zwei Jahre in Rödental in unserer alten Dame, so nenne ich liebevoll unser 110 Jahre altes Haus. Ich schaute sie fragend an. Der eine Mann kam von der Telekom und war so eine Art Abteilungsleiter. Der zweite Mann kam auch von der Telekom und war Techniker. Der dritte Mann war ein Nachbar, der vier Häuser weiter auf der anderen Straßenseite wohnte. Meine Frage logisch: Was ist los? Wie kann ich ihnen helfen? Der Telekom-Mann, der mir übrigens einen Ausweis zeigen konnte und einen Auftragsbeleg hinhielt, erklärte, dass in unserem Haus ein Verteiler für Kabel der Post wären. Wenn ich ihn und den Techniker nicht ins Haus ließ, könnte mein Nachbar keinen eigenen Internet-Anschluss erhalten. Begreifen Sie, was ich hier erzähle. Dies ist so geschehen. Und der Telekom-Mann sagte, dass es hier noch leicht wäre den Anschluss ausfindig zu machen. Es gäbe Regionen in Deutschland, da müssten sie lange suchen, bis sie den richtigen Verteiler finden würden. Ja, und dann gäbe es natürlich noch das Problem, das ich sie gar nicht ins Haus lassen müsste. So gäbe es auch etliche Klagen von Menschen, die jedoch auch gerne ihren eigenen Internet-Anschluss haben wollten.

Diese ganze Digitalisierungs-Welle vergisst das Fundament. Jetzt stellt sich die Frage: Wer vergisst wirklich das Fundament? Unsere Basis? Ist das Fundament nicht unsere Menschlichkeit? Ist das Mensch-Sein nicht das erste, was uns begegnet? Ist nicht das Mensch-Sein unser aller verbindendes Element? Wo ist es geblieben? Wer beachtet es noch? Wie steht der Mensch wohl in seiner eigenen Gesellschaft? Steht der Mensch wirklich wohl in seiner menschlichen Gesellschaft?

Holzhaus, Strand, Holzbohlen, Sand, Fundament
Ohne Fundament keine Festigkeit, keine Stabilität, keine Haltbarkeit.

Herrmann von Keyserling, ein Philosoph und Autor war Gründer der Schule der Weisheit in Wiesbaden. Er schrieb das Buch „Wiedergeburt“. Vielleicht sollten wir uns genau an der Stelle, an der wir jetzt sind, genau fragen: Ist uns das Fundament unseres Daseins noch wichtig? Hat es noch einen Wert, der beachtet werden sollte? Ist uns als Mensch die Menschlichkeit wichtiger als anderes oder ist uns eine Technik, die unsere Welt in Teilmengen auflöst wichtiger?

Herrmann von Keyserling

Wir könnten uns aus Weisheit zu einer Art Wiedergeburt entscheiden, die Herrmann von Keyserling so beschreibt: „Das eigentliche Problem dieser Zeit [werde] seiner Lösung zugeführt. Dieses ist, wie ich wieder und wieder gezeigt habe, kein intellektuelles, sondern ein vitales. Das aber andererseits nur vom Geist her zu lösen gelingt.“ (Keyserling 1927, S. 9)

Er schlägt uns also vor, ein lebendiges, ein „vitales“ als Lösung zu nehmen. Eine Aufgabe, die er sagt, die nur mit einem Geist zu lösen ist. Wo geht unser menschlicher Geist hin? Lassen wir ihn in den Tiefen von Zahlen untergehen? Vergessen wir unseren menschlichen Geist, der die Weisheit des ganzen Lebens bereits kennt? Wie können wir ihn wiederentdecken? Wie können wir ihn wiederbeleben, wieder neu gebären?

Wenn ich mit den ZenhoflerInnen Zazen praktiziere, tun wir genau dies. Wir entdecken unsern menschlichen eigenen Geist. Wir sehen die Hindernisse, die uns fernhalten vom menschlichen Geist. Wir erfahren, die „Vitalität“ des tiefen Lebens. Wir tun unbekannte Lösungen auf. Wir entdecken Zusammenhänge. Z.B. Die in der wohl stehenden Gesellschaft verteilten Masken produzieren Müll und verbrauchen Ressourcen. Irgendwo kommen sie her. Unsere Medizin-Produkte irgendwo kommen sie her. Was verbrauchen wir ohne zu fragen, was es bedeutet? Was passiert mit unserem Wohl-stands-gesellschafts-müll?

Wenn wir praktizieren, schauen wir uns unseren Müll an, wir sehen, wie wir unsere Ressourcen verschwenden und nicht achtsam mit unserem Körper und Geist umgehen. Wenn jeder Mensch auf der Welt, immerhin über 7,8 Milliarden Menschen und wenn es auch nur für einen einzigen Augenblick wäre, einen gemeinsamen Atemzug gleichzeitig tun, würde dies die Menschheit in einem menschlichen Geist spüren können.

Es ist schon lange eine Idee von mir. Es wäre eine logistische Meisterleistung. Tatsächlich alle Menschen auf der Welt nur für eine einzige Minute an das Schönste in ihrem Leben denken zu lassen. Können wir uns wirklich vorstellen, was das mit uns macht? Können wir uns wirklich vorstellen, wie die Menschheit diese Nähe spüren könnte?

Kinder, Laufen, Mädchen, Glücklich, Menschen, Weiblich
Glück?

Ich glaube nicht, doch würde ich es gerne einmal ausprobieren. Im Zendo, wenn der Geist für einen kurzen Augenblick diesen Ruhepunkt erreicht, wo alle, die da sind, irgendwie gleich schwingen, dann ist da eine so unglaubliche Ruhe. Ich denke, es täte uns allen gut, diese Ruhepunkte erfahrbar zu machen von klein auf für eine Welt voller Menschlichkeit.

„Die Chinesen, welche von Weisheit mehr verstehen als irgendein Volk, bezeichnen den Weisen durch eine Kombination der Ideogramme für Wind und Blitz: weise sei nicht der abgeklärte alte Mann, welcher alle Illusion verlor, sondern der dem Wind gleich unaufhaltsam vorwärts stürmt und an keiner Station zu fassen ist; welcher dem Blitz gleich die Luft reinigt und, wo es gerade nottut, einschlägt.“ (Keyserling 1927, S. 45)

Die Schule der Weisheit möge sie uns alle erreichen. http://www.ipph-darmstadt.de/schule-der-weisheit/

Macht Kooperation Vertrauen?

Vor vielen Jahren begegnete mir bereits der Name Hans Peter Dürr. Viele Male dachte ich, du musst ihn lesen, Ellen. Jetzt war es soweit. Ich las sein Buch „Geist, Kosmos und Physik“, Gedanken über die Einheit des Lebens.

Hans-Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik: Gedanken über ...
Einfach lesen! Einfach Dabei-Sein. Einfach mitleben.

Es ist nicht nur zu empfehlen, sondern meiner Meinung nach, sollte es jeder gelesen haben, denn es ist ein überaus berührendes Buch der Menschlichkeit.

Gleich auf den ersten Seiten begegnet mir der Satz: „Macht bezieht ihre Stärke aus der Einfalt – durch Bündelung von Kräften und nicht deren Differenzierung.“

Es kribbelt in mir. Der Satz weht wie ein Sturm durch mich hindurch. Wir leben seit eineinhalb Jahren in einer Zeit, die ihre Stärke aus unserer aller Einfalt zieht. Wir sind zu Menschen geworden, die wie Herdentiere dressiert durch die Welt gehen, von Zahlen geleitet und geprägt, ohne Sinn(e) und Verstand. Wir haben uns zu einer einfältigen Masse degradieren lassen, aufgrund von Zahlen, die Fiktionen sind. Realistische Zahlen sind nicht vorhanden. Es gibt keine Statistik, die belegen kann, wie viele Menschen tatsächlich nur an diesem Virus verstorben sind. Es gibt keine Statistik, die belegen kann, wie viele Menschen tatsächlich ihr Leben verloren haben, weil wir ihnen das Essen und Trinken genommen haben durch ein einfältiges eigennütziges Verhalten als gäbe es niemanden anderen auf der Welt. (siehe auch den Beitrag „Biene Maja“ hier)

Wir produzieren Masken und Co, die dann als Müllberge in der Verbrennungsanlage laden, wenn wir Glück haben. Sie können aber auch mit dem Regen in die Abwasserkanäle gespült werden und gelangen dann als Partikel in den großen Kreislauf des Wassers. Fragten wir jetzt in Kläranlagen nach, wie viele Reste von Masken sie entdecken, wäre die Antwort sicher erschreckend. Seien wir mal ehrlich, eigentlich dürfte nicht eine einzige Maske dort landen, oder?

Grundschüler tragen im Klassenzimmer eine schützende Gesichtsmaske. Bildung während der Epidemie. - Lizenzfrei Schulgebäude Stock-Foto
Masken, überall! Ist das menschlich? Noch mehr Unsichtbarkeit?

Dürr schreibt, dass die Macht ihre Stärke aus der Einfalt bezieht, aus der Bündelung dieser Kräfte, die Differenzierung meidet. Was passiert seit über eineinhalb Jahren? Wir haben unsere Differenzierung verloren. Vereinheitlichung in Distanzlernen und Online-Veranstaltungen, die ja irgendwie immer gleich ablaufen, finden statt.

Geschäftsmann arbeitet mit Kollegen durch Videokonferenzen - Lizenzfrei Virtuelles Event Stock-Foto
Menschen werden zu Oberkörpern und Köpfe?

Kultur, die Differenzierung schafft, ist zum Schweigen verurteilt. Gruppen-und Seminar-Tätigkeiten sind in Distanz-lernenden Veranstaltungen untergegangen. Online-Präsentationen und Veranstaltungen gaukeln uns vor, dass Wissenschaft, Kunst und Kultur noch immer lebendig ist. Aber ist sie das wirklich? Wo sind die menschlichen Aus-ein-ander-setzungen, die der Menschheit in all den Jahren das Wachsen und Reifens, das Lernen, Verstehen, Begreifen, Entdecken, Forschen, Erfinden und Lebendig-Sein ermöglicht hat? Ist nicht gerade die Differenzierung des Lebens die Kraft, die uns ermöglicht zu reifen? Die unbegrenzte Potenzialität eines einzigen Menschens?

so viele Menschen ! Foto & Bild | kunstfotografie & kultur ...
Über sieben Milliarden Menschen mit ihren Gefühlen, ihrem Denken, ihren Sinnen, ihrem Körper und Geist – pure Vielfalt!

Kann ein Kind wachsen ohne den anderen Menschen, der tatsächlich anders ist als es selbst? Kann ein Getreidekorn wachsen und uns Nahrung bringen ohne das Andere und den Anderen, was tatsächlich anders ist als es selbst? Kann ein Mensch wachsen ohne den anderen Menschen und ohne das andere wesenhafte Sein? Ist nicht gerade die Vielfalt des lebendigen Lebens das, was unser Menschsein so offen, so bunt, so stark zeichnet?

Eine Macht, die die Kräfte aufgrund von Einfalt bindet, vernichtet sich über kurz oder lang selbst. Die Geschichte zeigt mehr als genug Beispiele. „Leben ist auf Kooperation aufgebaut“, schreibt Dürr. Wenn es uns nicht gelingt im Nächsten, den wirklich Nächsten zu sehen, der, der mit mir Mensch ist, der, der das gleicht mit mir teilt, Lebendigkeit und Sterben, Freude und Schmerz, wenn wir nur noch darin gefangen sind, dass der Nächste eine potenzielle Gefahr ist, dann lassen wir uns die Fähigkeit des menschlichen Mensch-Seins nehmen, lassen uns reduzieren auf eine begrenzte Einfalt von O-1-Folgen, die so wunderbar sie sind, immer begrenzt sein werden im Raum der unendlich großen Menschlichkeit. Das menschliche Wesen ist Vielfalt, ist Differenzierung, ist Kooperation, ist Nachhaltigkeit von Beginn an.

Lassen wir uns in die Einfalt pressen, nehmen wir den Verlust der menschlichen Kooperation als Fähigkeit zu reifen hin, lassen wir uns unsere „emotionale und geistige Potenzialität“ (Dürr, 55) nehmen und verhindern so nachhaltiges Werden und Sein, dann verletzen wir das Paradigma des Lebendigen, wie Dürr schreibt. „Wir sind dann nicht mehr Zweige des Lebendigen, sondern des Toten, weil wir das Prinzip der Kooperation missachtet haben.“(Dürr, 130) Wir tun dann genau das, was wir nicht wollen: Sterben!

In den vielen Jahren seit dem zweiten Weltkrieg, in den vielen Jahren des Wirtschaftswachstums, haben wir die Kooperation mit anderen Völkern der Erde vernachlässigt, wir haben ihre Bodenschätze ausgebeutet und tun dies für ein Computerzeitalter mehr denn ja. In den vielen Jahren des Entstehens einer Wohlstandsgesellschaft haben wir schon viele Kooperationen verloren. Die Kooperation mit dem Leben der Regenwälder, mit Tierwelten, die ausgestorben sind, mit dem Weltall, denn ist zu nutzen als Satelliten-Welt gibt und dabei vergessen wir, was es wirklich ist. Wir verloren die Kooperation zu den indigenen Völkern (z.B. Kogis, Eskimos, Indianer, Aborigines, usw.).

Überleben in freier Natur: Die genialen Fähigkeiten ...
Kooperation! Kooperation? Kooperation klar und selbst verstanden!

Völker, die uns lehren können, was Kooperation leben bedeutet. Wir sind jetzt jedoch so weit gegangen, dass wir Grenzen von Mensch zu Mensch aufbauten. Familien besuchen sich nicht mehr. Freunde verlieren sich. Gemeinschaften wir Sport-, Musik- und andere Vereine können ihre Gemeinsamkeit, ihr lebendiges Prinzip der Kooperation nicht lebendig halten.  

Was tun wir hier? Ich frage mich, warum die Menschen dies alles so bereitwillig hinnehmen? Was hindert sie daran für die menschliche Menschheit aufzustehen? Was bewirkt die Angst vor dem Tod? Was fürchten die Menschen wirklich? Haben wir uns so weit von uns selbst entfernt, dass wir nicht mehr wissen, dass Leben und Tod die zwei Medaillen des Lebendigen sind?

Ohne Tod kein Leben. Ohne Leben keinen Tod. Interessanterweise hat Jesus Christus dies besonders schön gesagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein.“ (Joh, 12,16-12-47)

Was bewegt Menschen sich von Menschen zu trennen, trennen zu lassen, obwohl doch wir Menschen nur menschlich sind, wenn wir gemeinsam etwas tun, wenn wir gemeinsam handeln, wenn wir gemeinsam leben und Leben und Sterben zulassen, ohne meinen wir wären die Herrgötter, die über Leben und Tod entscheiden könnten? Ist das nicht sogar ein Gebot? Was tun wir jedoch? Wir entfernen uns von der Kooperation. Wir entfernen uns von Menschlichkeit? Wir entfernen uns von der Vielfalt und unserer vielfältigen differenzierten Potenzialität. Was tun wir hier?

Sollten wir uns nicht wieder unserem kooperativen menschlichen Sein zuwenden? Dürr schreibt von seinem Optimismus für die Menschheit. Er benennt sie folgendermaßen: „Die Wenigen, die heute deutlich erkennen, dass wir aufgrund einer relativ kleinen, politisch mächtigen Minderheit uns auf einem gefährlichen Pfad der Selbstvernichtung befinden, diese Wenigen müssen nicht sechseinhalb Milliarden Menschen überzeugen, welchen Weg wir alle dringend einschlagen müssen, um die große Katastrophe zu verhindern, sondern es wird nötig sein, alle Menschen daran zu erinnern, was sie intuitiv eigentlich schon alle wissen: Den Grundprinzipien des Lebendigen zu folgen, die in den vergangenen dreieinhalb Milliarden Jahren die faszinierende, unbeschreiblich wunderbare Evolution des Lebens auf unserer Erde, uns als Menschen eingeschlossen, ermöglicht hat.“

Erinnern wir uns an unser Mensch-Sein. Seien wir wieder menschlich. Wir gehören zusammen. Familien, Freunde, Kollegen, Völker. Wir sind gemeinsam Mensch. Lasst uns bitte aufhören, Trennung vorzunehmen, die einfach unmenschlich ist.

Füße, Kinderfüße, Baby, Barfuß, Menschliche, Kinder
Nur Kinderfüße stehend auf einer Erde? Was ist die Erde? Kooperation? Vielfalft? Was sind die Füße? Kooperation? Vielfalt?

„Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach, als ein Wald, der wächst.“, so formuliert Dürr eine tibetische Weisheit. Lernen wir wieder dem Wachsen des Waldes zuzuhören, statt dem Krachen des Baumes zuzuschauen! Üben wir wieder, „was eine Millionen mal längere Geschichte uns an Differenzierung und kooperative Integration erfolgreich gelehrt hat“! (Dürr, 140)

Nehmen wir unser Mensch-Sein wieder selber in die Hand, mit allen Wenns-und aber. Bitte lasst uns wieder „Mensch- sein“, weil „Mensch-sein“ ist ein Geschenk, eine Gnade, eine Freude, eine Schönheit. Es ist die Potenzialität eines lebendigen Lebens.

Ich freue mich darauf, mit Euch mein Mensch-Sein lebendig sein zu lassen, ob im Zenhof Rödental e.V., bei den Elan-Frauen in Coburg oder hier mit diesen Zeilen, die so hoffe ich, die Herzen wieder für die Menschlichkeit öffnen, denn es lohnt sich, sagt Dürr.

„Wir brauchen den Mut, das, was wir als Menschen verkorkst haben, auch als Menschen wieder in Ordnung bringen zu können.“

In der Meditation tun wir dies immer wieder neu. Wir bringen den Mut auf, uns niederzusetzen, zu schweigen, bewegungslos dem Wachsen des eigenen Waldes zuzuschauen. Wir bringen unser Chaos in eine Ordnung, deren Verkorkstheit sich auflösen darf und kann.

Bäume, Moos, Wald, Sonnenlicht, Sonnenstrahlen, Wälder
Das Wachsen des Waldes ist langsam, aber es ist!

In diesem Sinne, steht auf als Menschen, geht als Menschen, liebt als Menschen, begreift als Menschen, fühlt euch als Menschen und entdeckt die wunderbare Welt der Vielfalt, die jeder Macht zuwiderläuft, weil sie diese nicht bündeln kann. Steht auf und lebt die bunte Vielfalt einer bunten Blumenwiese, die Insekten anzieht, Leben spendet und mit dem Vergehen neues Leben ermöglicht.

Blumenwiese, Blumen, Wiesenblumen, Wildblumen, Blühen

Ein Hoch auf die menschliche Menschlichkeit!

Im Tunnel der Alternativlosigkeit ­von Dr. Christoph Quarch

Ich möchte mit Euch diesen wunderbaren Beitrag teilen. Dr. Christoph Quarch ist selbstständiger Philosoph. Seine Gedanken zur Alternativlosigkeit des derzeitigen Politischen sind einfach wunderbar klar formuliert. Er hat mir erlaubt, seine Zeilen hier abzubilden. Herzlichen Dank.

Dr. phil. Christoph Quarch - Autor Redner Sinnstifter ...
Dr. Christoph Quarch

Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz begibt sich Deutschland auf einen heiklen Weg, Dr. Christoph Quarch

Am 21. April 2021 hat der Deutsche Bundestag eine Neufassung des Infektionsschutzgesetzes beschlossen. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, mit einer bundesweiten „Notbremse“ die sogenannte „dritte Welle“ der Covid-Pandemie in Deutschland einzudämmen. Schon im Vorfeld wurden zahlreiche rechtliche und politische Einwände gegen die Gesetzesvorlage vorgebracht, selbst im Bundeskanzleramt wurden zahlreiche Bedenken laut. Ebenso wenig wie die Androhung einer Verfassungsklage seitens der Freien Demokraten hat all das die Fraktionen der Regierungsparteien davon abgehalten, dem Gesetz zuzustimmen und damit einer nie da gewesenen Zentralisierung der deutschen Politik den Weg zu bereiten. So alternativlos scheint das Diktat der Pandemie, dass man bereit ist, zu ihrer Bekämpfung das Föderalismusprinzip außer Kraft zu setzen und damit den wichtigsten und bewährtesten konstitutionellen Pfeiler der Bundesrepublik Deutschland zu beschädigen.

Warum sind die Regierungsparteien bereit, einen so hohen Preis für den Infektionsschutz zu zahlen? Warum sind die Regierenden nicht länger willens, alternative Wege wie in Tübingen oder im Saarland zu dulden? Weil sie dem Diktat eines Denkens erlegen sind, das ihnen fälschlicherweise suggeriert, der von ihnen eingeschlagene Weg sei alternativlos.

Den Begriff der Alternativlosigkeit politisch hoffähig gemacht, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wiederholt hat sie ihn verwendet, um den von ihr propagierten Weg der Pandemiebekämpfung zu rechtfertigen. Die Gefahr, der sie damit unsere Demokratie ausgesetzt hat, scheint sie nicht zu sehen. Das ist insofern verständlich, als sie an der Oberfläche des politischen Alltags kaum sichtbar ist. Gerade da aber liegt das Problem. Denn das Diktat eines in Kategorien der Alternativlosigkeit denkenden Mindsets bereitet unmerklich und untergründig einen Weg zur Diktatur. Er lässt das Fundament der Demokratie langsam erodieren, indem es den Freiraum des Politischen verengt. Dort, im Freiraum des Politischen wirkt Alternativlosigkeit wie ein Nervengift. Und da keine Demokratie ohne den Raum des Politischen denkbar ist, sagt man nicht zu viel, wenn man den Mindset der Alternativlosigkeit als Gefahr auf die demokratische Kultur entlarvt.

Der Raum des Politischen ist ein offener und unberechenbarer Raum. Es ist der Raum, in dem Wertkonflikte gewaltfrei ausgetragen werden. So wäre es der Raum des Politischen, indem während der Covid-Pandemie darum gerungen werden müsste, welche Ziele die Regierungspolitik verfolgen und welchen Werten sie genügen soll. Er wäre der Ort für Debatten zu Fragen wie diesen: Ist der höchste Werte des Gemeinwesens der unbedingte Erhalt jedes einzelnen Menschenlebens – und ist die Minimalisierung von pandemiebedingten Sterbefällen deshalb das oberste Ziel aller politischen Interventionen? Oder ist die Bildung der Jugend als Garant seiner Zukunft der höchste Wert des Gemeinwesens – und die Aufrechterhaltung des Schul- und Hochschulbetriebs das vordringlichste Ziel der Covid-Maßnahmen? – Um nur einen möglichen Diskurs zu skizzieren, der dringend geführt werden müsste.
Denn beide Sichtweisen sind gut begründet, beide sind mit der Verfassung kompatibel – und nicht nur sie. Auch die Bewahrung der Kulturlandschaft, der Wirtschaft oder des sozialen Friedens wären Werte, die mit dem des unbedingten Erhalts von Leben begründet konkurrieren dürften. Doch findet eine Wertediskurs über die Ziele der Pandemie-Eindämmung nicht statt. Die regierungsseitig vertretene Auslegung bedient ausschließlich eine nicht weiter infrage zustellende Wertsetzung: Leben muss erhalten und Triage-Entscheidungen in Kliniken müssen vermieden werden. Ist diese Zielsetzung erst einmal durchgesetzt und dem öffentlichen Diskurs entzogen, dann ist der Weg für das Konzept Alternativlosigkeit bereitet. Nun erscheint es nicht nur akzeptabel, sondern sinnvoll – sinnvoll nach Maßgabe eines nicht mehr infrage gestellten Ziels, dem alle politischen Interventionen als Mittel zum Zweck dienen müssen.

Dadurch ist der Keim zur Diktatur gelegt: Nicht eine Person übt sie aus, sondern eine dem Raum des Politischen entzogene Zielsetzung – eine Zielsetzung, deren vermeintlich unbedingte Geltung ihre Alleinherrschaft begründet und die ihr dienlichen Mittel dekretiert. Denn gesetzt, das Ziel steht unbeirrbar fest, dann stellt sich in jeder konkreten Entscheidungssituation lediglich die eine Frage: Welche konkrete Maßnahme dient dem Ziel am besten, am effizientesten, am schnellsten, am dauerhaftesten? Solche Fragen zu entscheiden, erfordert nicht länger den offenen Raum des Politischen, in dem Bürger um Werte und Ziele ringen. Sie zu entscheiden, delegiert man an Experten bzw. Ingenieure und deren instrumentelle Vernunft, kraft derer sie die angezeigten Maßnahmen be- oder errechnen können. In der Welt des Rechnens bzw. der Berechnungen ist kein Platz für das Politische. Anders als in der politischen Welt der Werte, die um die Kategorien angemessener oder unangemessener kreist, herrschen im Raum des Rechnens die Kategorien richtig und falsch – und die Kategorie alternativlos.

Hier verweise ich auf meinen Blog „Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit„.

Wenn es darum geht, die Funktion einer Maschine aufrechtzuerhalten, dann mag es nach eingehenden Berechnungen auf der Grundlage aller verfügbaren Informationen alternativlos erscheinen, sich für eine Maßnahme zu entscheiden. Wenn ein Chirurg eine Operation durchführt, dann mag es nach Maßgabe derer Zielsetzung alternativlose Optionen geben. Und wenn ein Unternehmen seinen Purpose darin erkannt hat, seinen Profit zu maximieren, kann Alternativlosigkeit bei Börsentransaktionen eine sinnvolle Kategorie sein. Es ist verführerisch, diese Denkweise in die Politik zu übertragen, denn sie entlastet die Politiker von der Verantwortung, für Werte und Ziele einzustehen und verspricht ihnen zudem eine Festigung ihrer Macht: Denn wenn die Diktatur der dem Diskurs entzogenen Ziele errichtet ist, wird es dem politischen Gegner schwer, Widerstand zu leisten; weil der Raum des Politischen geschwunden und durch Expertise und Kalkül dominiert wird. Wohin das führt, lässt sich inzwischen absehen: Da das Kalkül von intelligenten Maschinen sehr viel besser exekutiert werden kann als von wertbehafteten Menschen, steht zu erwarten, dass in der Diktatur der unhinterfragten Ziele der Raum des Politischen dadurch schwindet, dass er durch Computer verbaut wird – oder durch Experten. So oder so hört er auf zu existieren. Und mit ihm schwinden Demokratie, Freiheit, Gemeinsinn und der menschliche Diskurs.  

Wer wissen will, wie ein politisches Gebilde aussieht, in dem das Politische eliminiert wurde, der werfe einen Blick auf die Volksrepublik China. Gewiss, solange die demokratischen Institutionen in unserem Land noch intakt sind und der Rechtsstaat funktioniert, sind wir weit von der Dystopie einer Sinisierung Deutschlands entfernt. Doch man täusche sich nicht. Die deutsche Geschichte hat den Nachweis erbracht, dass die Erosion des Politischen in den Köpfen beginnt: dort, wo das Denken aufhört und die Ziele des politischen Handelns nicht mehr zur Diskussion gestellt werden. Wer Alternativlosigkeit als politische Kategorie verwendet, hat den ersten Schritt in den Tunnel getan. Das neue Infektionsschutzgesetz vollzieht den zweiten. Seien wir wachsam…

Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit

Quantenmechanik, Physik, Atome, Atomphysik
Quantenmechanik, Berechnung von möglichen Atomaktivitäten bei einer Versuchsreihe

Als wir jetzt über Ostern eine Schweige-und Meditationswoche abhielten, kam mir ein Satz:

Menschlichkeit ist der Umgang mit den Dingen. Dinge sind dabei nicht nur sächlich gemeint, sondern wie der Japaner mit dem Wort „mono“ sagt, einfach alles, was es im ganzen Kosmos gibt.

Menschlichkeit ist der Umgang mit den Dingen. Was bedeutet das? Jeder Mensch tut etwas, auch wenn er nichts tut, tut er etwas, nämlich dieses „scheinbar“ Nichts. Doch, wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, gibt es keinen Menschen, der nicht irgendetwas tut. Das Tun sind so einfach Dinge wie Trinken und Essen, zur Toilette gehen und sich waschen. Gehen wir von den basalen Bedürfnissen des Menschen weiter, müssen Menschen, die essen und trinken wollen, etwas tun, so dass sie dies können. Also gibt es Felder, die bestellt werden mit Gemüse, Hopfen, Getreide, Kartoffeln, Reis, Kaffee, Kakao. Die Menschen stellen Tiere auf die Felder und lassen sie Gras fressen oder halten sie in Herden und treiben sie über das Land, was immer weniger wird auf unserem Globus.

Kirgisistan, Berge, Landschaft, Natur, Wolken, Himmel
Mongolei

Wir verarbeiten diese geernteten Rohprodukte zu kauffertigen Produkten. Vor ca. 60 Jahren gab es noch das Butterfass und die Milchkanne. Heute gibt es den Tetrapack. Wir Menschen haben also Maschinen entwickelt, die die Rohstoffe verarbeiten, einpacken. Wir haben Maschinen entwickelt, die diese Produkte liefern können. Wir Menschen haben Geld als Tauschmittel entwickelt, um nicht wie teils noch vor 100 Jahren, selbst ein Produkt anbieten zu müssen, um ein anderes zu erhalten.

Maschinenbau

Wir Menschen sind also sehr erfindungsreich im Umgang mit den Dingen. Was auf dem wirtschaftlichen Markt funktioniert, funktioniert auch im sozialen Bereich. Wie sieht dies aus? Wir Menschen stellen mittels Verfahren fest, dass es „normale“ Menschen gibt und „nicht normale“ Menschen. Diese „nicht normalen“ Menschen nennen wir behindert, alt oder psychisch krank, seit Freud, die Medizin um die Krankheiten der Seele erweiterte. Dies führt dazu, dass wir Menschen nun auch hier Dinge erschaffen, die diesen Menschen helfen. Den stark pflegebedürftigen Menschen schenken wir Häuser, in denen sie nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gepflegt werden. Wir bauen Heime und Unterstützungssysteme auf. Um herauszufinden, was wir Menschen noch alles tun können, mit den Dingen/Menschen/Tieren/Pflanzen entwickelten sich Wissenschaften, die das erforschen.

Die Medizin lehrt uns den Umgang mit dem menschlichen Körper. Sie verspricht uns, ihn zu heilen. Während in den vorigen Jahrhunderten die meisten Menschen noch wussten, wie sie sich selber heilen können, haben sie nun dieses Tun abgegeben, ausgelagert. Heute sagen wir so schön „Outsourcing“.  Die Biologie klärte über unsere Entstehung auf. Nun gibt es keinen Klapperstorch mehr oder den göttlichen Willen in der Fortpflanzung, sondern die Zellen übernehmen diese Funktion. Dabei lagerten wir Menschen die Zellen unseres Körpers ebenfalls aus und wir entdeckten, was wir alles damit machen können. Wir können klonen. Wir können mit den Zellen außerhalb unseres Körpers Wachstum erzeugen. Wir können mit Zellen ein Organ füttern.

Vektor unterschiedlicher Menschen, die sich mit moderner Technologie auf der ganzen Welt verbinden - Lizenzfrei Anwerbung Vektorgrafik
Outsourcing – von der Putzfrau bis zum Produktionsteil

Die Physik erreichte in der Quantenphysik eine Größe, die über die Zellebene hinausgeht. Sie betrachtet die atomare Welt. Dabei erkannte sie, dass es Prozess in den Atomen gibt, die mit Begriffen wie Unschärfe, Wahrscheinlichkeiten, Korrelationen usw. bezeichnet wurden. Synthetische Lebensmittel und Medizin, die Atombombe entstanden.

p(A)   =     Zahl der günstigen Fälle  geteilt durch die Zahl der möglichen Fälle 
Einfache Wahrscheinlichkeit berechnen.

Menschlichkeit ist also der Umgang mit den Dingen. Und wie dieser kurze Abriss einen nur winzigen Ausschnitt unseres menschlichen Tuns zeigt, erschaffen wir permanent Dinge, bauen sie um, bauen neu, erfinden, erforschen und entdecken immer wieder Neues. Was tut der Mensch hier eigentlich? Ist dieses permanente Tun eine Wirklichkeit oder ist es eine unendliche Wirklichkeit?

Gehen wir von dem einfachen Wort Wirklichkeit aus, so können wir sagen, dass in dem Substantiv Wirklichkeit das Tu-Wort oder Verb „wirken“ steckt. Auf der Tu-Ebene ist der Umgang des Menschen mit den Dingen also ein Wirken. Wirken steht für Arbeiten, Fertigen, Ausführen, Verrichten, Vollbringen. Wirken steht ab dem 16 Jhd. für die tatsächliche Existenz, für die Realität. Es steigt auf in das Tun als ein Handeln, ein Erschaffen als ein Schöpfungsakt. Es entsteht der Gedanke der Kreativität.

Männliche Klempner arbeiten, um leckende Waschbecken in Home Badezimmer zu beheben - Lizenzfrei Klempner Stock-Foto
Wirkliche Arbeit

Dieses wirkliche Tun hat also immer etwas mit einer tatsächlichen Existenz eines tuenden Aktes zu tun. Wenn meine Finger hier über die Tastatur gleiten, ist der schöpferische Akt vielleicht diese Zeilen zu schreiben, aber der wirkliche Akt ist und bleibt die Berührung meiner Finger mit diesem Ding, dem wir den Namen Tastatur geben. Weiterhin Wirkliches ist an mir die Körperhaltung. Ich sitze auf einem Stuhl. Die beiden Füße berühren den Boden. Sie stehen flach auf. Meine Augen sehen etwas. Meine Ohren hören das feine Klicken der Tasten oder das leichte Brummen des Computers. Meine Zunge schmeckt vielleicht das zuletzt Gegessene oder Getrunkene. Mein Körper fühlt sich warm oder kalt an. Ich habe neben diesem, was ich da scheinbar auf der Bildfläche des Computers sehe, also noch wirkliche Existenz. Ich lebe.

Arbeit, Der Fischer, Seil, Netzwerk, Korb, Ocean
Wirkliche Existenz im Tun jetzt.

Doch, was passiert da auf dem Computerbildschirm. Ich sehe etwas, das wir als Buchstaben bezeichnen. Buchstaben sind ein langwieriger kultureller Aspekt. Über tausende von Jahren entwickelten sie sich durch das Tun der Menschen, indem sie ihre Zungen bewegten, feststellten, dass wir noch mehr Laute hervorbringen können als Ah oder Oh oder Uh. Wir bildeten Sprachen aus. Menschlichkeit zeichnet sich durch den Umgang mit den Dingen aus, auch dem Umgang mit dem menschlichen Potenzial Körper. Die Stimme als ein Instrument, als ein Produkt unseres Tuns, das wir nutzen und benutzen können.

D.h. die Worte, die sie jetzt hier lesen, sind abertausende von Erfahrungen von Zungen-, Mund-, Nase- und Atmungsbewegungen. Eines menschlichen Tuns. Was passiert nun aber hinter dieser Oberfläche eines Computers? Hinter dieser Oberfläche ist eine Maschine, deren Kontakte auf Strom/Energie angewiesen sind. Diese Stromkontakte setzten sich in Schalteraktivitäten um, die „an“ oder „aus“ heißen. Seitdem die digitale Technik auf dem Vormarsch ist, gibt es nur noch diese beiden Schalterstellungen. Die analoge Technik, die noch Zwischentöne und Spannungen ermöglichte, verliert immer mehr den Boden. Was bedeutet das für den menschlichen Umgang mit den Dingen?

Wir reduzieren uns scheinbar selbst. Wir verkleinern unsere Welt der Dinge, auch wenn wir glauben, wir hätten über die Digitalisierung unsere Welt vergrößert, weil wir können nun jederzeit nachschauen, wieviel Uhr in Südamerika ist. Wir können nachlesen, wieviel Tote weltweit es an Covid 19 gibt. Die Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit dem Virus beläuft sich aktuell auf mehr als 3 Millionen. (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1103785/umfrage/mortalitaetsrate-des-coronavirus-nach-laendern/). Die Letalitätsrate zeigt das Verhältnis von Toten zu Infizierten an. Sie liegt derzeit weltweit bei 2,6 %. Wir lesen dies und halten dies für eine Wirklichkeit, wie die Buchstaben auf dem Bildschirm, die Bilder im Fernsehen oder die Monitoraufnahmen des Ultraschallbildes. Doch, was ist die Wirklichkeit wirklich? Ist sie so klein, dass sie in 0-1-Folgen gefasst werden kann? Jede Bibliothek der Welt gibt mehr Information als ein Netz aus 0-1-Folgen, das irgendjemand füttern muss. Jeder Mensch ist „uni-versell“, dass heißt alles, was möglich ist, spiegelt sich in ihm wieder. Was ist wirklich wirklich?

Schreibtisch, Computer, Bildschirme, Monitore
Eine Bildschirmwelt?
Fußgängerzone, Einkaufsstraße, Passanten, Belebt
Eine wirkliche Welt. Menschen bewegen sich. Sie gehen Wege.

Doch, was geschieht hier mit uns? Wir gleiten in eine Welt der Wahrscheinlichkeit ab. Leise und unbemerkt verliert der Mensch seinen menschlichen Umgang mit den Dingen. Die Welt geht in Zahlen auf. Diese Zahlen beruhen auf Berechnungen, die auf der Wahrscheinlichkeitsrechnung basieren. Wer sich ein wenig mit Mathematik auskennt, weiß, dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung eine der merkwürdigsten mathematischen Größe ist, weil sie eben keine tatsächliche Existenz mehr beschreibt, sondern eben Angenommenes, eben Wahrscheinliches. Dabei wird uns Menschen erklärt, dass diese Wahrscheinlichkeiten der Realität sehr nah kommen. Doch, ist das wirklich so?

Menschlichkeit ist der Umgang mit den Dingen. Wenn wir unsere menschliche Welt auf Wahrscheinlichkeiten aufbauen, was passiert dann mit dem menschlichen Umgang mit den Dingen, die den Menschen auszeichnen?

Eine Meditierende verlor letzte Woche ihre Mutter. Sie verstarb. Sie steht mir gegenüber und sagt, dass dieses letzte Jahr einfach nur unmenschlich war. Warum? Weil sie hätte eine Maske getragen, hätte gut 2 m von ihrer im Rollstuhl sitzenden Mutter gestanden, die noch hinter einer Scheibe saß. Kommunikation? Menschlichkeit ist der Umgang mit den Dingen.

Wir produzieren in den letzten Monaten soviel Müll wie lange nicht. (https://www.br.de/nachrichten/bayern/volle-tonne-im-corona-lockdown-produzieren-wir-mehr-muell,SN8BL4L). Umwelt und Ökologie scheint in weite Ferne zu rücken. Ja, es fliegen weniger Flugzeuge, Autos fahren weniger, aber hier direkt vor unserer Haustür entstehen Berge von Müll durch Anlieferung von Dingen. Menschlichkeit ist der Umgang mit den Dingen. Wo ist jetzt der Gedanke einer Greta Thunberg hier im direkten wirklichen Tun?

Der Knopfdruck am Computer. So leicht. So einfach. Ein solcher Knopfdruck verwandelt sich in eine Wirklichkeit, die zum Beispiel darin besteht, dass unsere Hände und unsere Körper Müll entsorgen müssen. Die scheinbare saubere Welt dieser Maschine löst sich auf in Bergen von Müll, die nicht mehr scheinbar oder wahrscheinlich sind, sondern ganz wirklich. So wirklich wie das Absterben der Bäume durch den Borkenkäfer im Sauerland oder das Abholzen des tropischen Regenwaldes für Fleisch und Obst für die Exportländer, die auch Deutschland heißen.

Borkenkäferbefall im Sauerland. Ganze Landstriche verändern sich.

Die Welt der Wahrscheinlichkeit, die berechnet, dass so und so viele Menschen sich impfen lassen müssen, dann… Die Welt der Wahrscheinlichkeit, die mit Inzidenzen das Tun einer Politik begründen will, wobei die Inzidenz nichts Anderes ist als eine Zahl, die positive Tests auf 100 000 Einwohner angibt. Um diese Zahl nachweisen zu können, brauche wir Inzidenzen, also brauchen wir mehr Tests, also schaffen wir Regelungen, die uns Tests beschaffen und dann können wir wieder aufgrund dieser wahrscheinlichen Ergebnisse neu handeln. D.h. wir Menschen handeln schließlich nicht mehr nach wirklichem Geschehen, sondern befinden uns in einer Art „Fata morgana“, die alle Menschen für die wirkliche Welt halten, weil sie die wirkliche Welt nicht mehr kennen. Wo ist sie geblieben? Was ist die wirkliche Welt wirklich?

Die menschliche Berührung, die einen Säugling wachsen lässt. Das Anfassen eines Buches, einer Pflanze, eines Menschen verschwindet in den Tiefen von Wahrscheinlichkeiten, so dass das wirkliche lebendige Leben erlahmt. Wir Menschen bestimmen unsere eigene Menschlichkeit im Umgang mit den Dingen. Kinder, die keinerlei soziale Kontakte haben, die aus ihrem berührenden menschlichen Umfeld herausgerissen werden, entwickeln wie die Pädagogik und Psychologie erforscht hat, sog. Hospitalismus-Erscheinungen.

Wie äußern sich diese? „Verlangsamte Motorik, eine passive Grundstimmung bis hin zur Apathie,  eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten, aber auch Störungen der Wahrnehmung und beim Lernen“ (Stangl, 2021).

Ursachen sind unter anderem: Mangelnde oder fehlende emotionale Bindung und langfristiger Reizentzug. (https://www.gesundheits-fakten.de/hospitalismus/).  

Social Distancing!

Hospitalismus

Soziale, Distanz, Corona, Covid-19, Pandemie, Stempel

Hier stellt sich die Frage: Was leben wir seit nun mehr als einem Jahr? Wo sind unsere emotionalen Bindungen zu unserer sozialen Welt? Wo sind unsere Reize, wie Theater, Konzerte, Kino und Gemeinschaft? Sind wir auf den Weg eine hospitale Gesellschaft zu erschaffen, die in ihrem Endstadium nur noch apathische Bürger und Bürgerinnen kennt?

Erschaffen wir eine Welt, in der die Wahrscheinlichkeit in Form von 0-1-Ketten die Realität bilden, obwohl erst das handelnde Tun den Menschen menschlich sein lässt?  Menschlichkeit ist der Umgang mit den Dingen. Dieser ist so echt und wahrhaftig wie es kaum zu glauben ist. Menschlichkeit ist so bunt wie der Frühling. Er ist nicht schwarz weiß wie die Steinwelten in immer mehr Vorgärten uns vorgaukeln wollen, wo künstliche Schmetterlinge das wenige Grün zieren, während der wirkliche Schmetterling immer mehr verschwindet.

Vorgarten aus stein
Einseitige Vegetation. Ohne Leben.
Blühende Blumen im Vorgarten - Bild kaufen - 11077161 ...
Lebendigkeit. Buntheit des Lebens.

Wir sind die Menschen, die entscheiden, wie sie wirklich leben wollen. Lebendige Lebendige oder tote Lebendige? Wir Menschen sind „denkende Wesen“, so behaupten wir, dann sollten wir uns anstrengen, dieses Denken auch für die Welt und die Wirklichkeit einzusetzen, denn in einer wahrscheinlichen Welt verhungern und verdursten wir, weil niemand mehr das Gemüse pflanzt, niemand mehr die Maschine zum Ernten bedient, niemand mehr dafür sorgt, dass unser Trinkwasser sauber bleibt und dass unsere Fäkalien dorthin kommen, wo sie hingehören. Das ist Wirklichkeit. Das ist menschliches Wirken. Einen Computer, einen Mikrochip, eine Blockchain können wir nicht essen!

Wir Menschen sind menschlich im Umgang mit den Dingen. Schauen wir uns selbst bei unserem Tun zu und stellen uns die Frage im Angesicht des ganzen Geschehens von Welt: Ist das menschlich? Ist das sozial? Ist das pädagogisch? Ist das lebendig? Ist das emotional? Und die wichtigste Frage lautet: Was ist wirklich? Lasst uns immer wieder nach dieser Wirklichkeit schauen. Sie ist ein guter Leitfaden für ein lebendiges Leben.

Verwendete Literatur

Stangl, W. (2021). Stichwort: ‚Hospitalismus – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

WWW: https://lexikon.stangl.eu/5541/hospitalismus (2021-04-21)

Das tibetische Totenbuch

Walter, Sonderausgabe 1995

Irgendwie ist das Leben seltsam. Karneval ohne Umzüge und Prunksitzungen. Aschermittwoch, einer der höchsten Feiertage der Kirchen in fast leeren Kirchen. Nur nach Anmeldung darf die Kirche besucht werden. Absperrungen regeln die Menge der Menschen.

Gleichzeitig bevölkert sich mein Haus mit drei weiteren Menschen. Meine Schwiegertochter. Zwei Kinder. Fünf Monate und drei Jahre. Jetzt Freitag stellte der Kinderarzt fest, dass die Kleine doch an der Niere operiert werden muss.

Gleichzeitig fühle ich in mir ein Gefühl emporsteigen von Verlust an Lebenslust. Was ist das?

Ich meditiere und höre in mir die Stimme: Greife zum tibetischen Totenbuch. Ich tue es. Ich schlage die erste Seite auf. Ich lese die erste Zeile und jetzt wundert euch nicht:

„Mach dich frei von Lebenslust“.

Genau das Gefühl, das ich empfinde, wird hier nicht als etwas Negatives empfunden, sondern als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem Leben, dass im Vers so endet:

„Ruhig und heiter zieh deines Weges“.

So stehe ich nun auf, ziehe ruhig und heiter meines Weges. Es bedarf keiner Lebenslust, keiner Wonnen, sondern das einfache Gehen, das einfach Sitzen, das einfach Hier-Sein.

Es bedarf dieses einfach „Geschehen lassen“ als ein unbegrenztes Ja, das keine Begrenzungen kennt.

Eine Welt, wie die derzeitige, die meint durch Begrenzungen, der Welt und den Menschen helfen zu können, befindet sich wie es im Vers heißt auf den Wegen von:

„Dünkel, von Unwissenheit und der Zerstreuung Wirrsal“.

Es gilt nicht auszusperren, sondern einzuschließen. Ein Virus taucht auf, verschwindet nie wieder. Ein Mensch taucht auf, verschwindet niemals wieder. Ein Gedanke setzt sich in eine Maschine um, verschwindet nie wieder. Wir verwandeln unsere Formen, unsere Gestalten. Vor 100 Jahren sah ein Auto anders aus als heute. Vor 1000 Jahren pflügte der Pflug mit der Körper- oder Ochsenkraft. Vor 2000 Jahren betrat man den Fluss zum Waschen. Die Gedanken des Menschen formen und verändern die Welt von Nanosekunde zu Nanosekunde tausendfach. Nichts davon verschwindet. Es verändert sich einfach. Auf diese Kraft baut der Mensch die Welt. Das Vertrauen in diese Kraft versetzt Berge. Das Vertrauen in die menschliche zusammenhaltende Kraft formt die Welt. Eine Kraft, die verändert und permanent gestaltet. Jeder Ausschluss bedeutet, Begrenzung.

Doch, vielleicht ist gerade die Kraft des Virus ein Hinweis für uns Aufzuwachen, was im Vers so steht:

„Zerreiß die Bande; nur so erreichst du wirklich das Ende der Pein. Wirf von dir die Kette von Geburt und Tod – du weißt, was sie bedeuten.“

Hier ist das Vertrauen in das eigene Wissen, unseres eigenen Körpers und Geistes. Keine Angst vor dem Tod. Keine Angst vor dem Leben. Ein jeder Mensch vertraut auf seine ihm innewohnende Kraft, macht sich unabhängig von einer Macht, die scheinbar nur für ihn handelt und bestimmt wie zu Leben ist. Welche Kraft soll den wohin führen? In die Zufriedenheit aller Menschen? In die Erhaltung von Natur und Kosmos? In die digitale Welt ohne menschliche Nähe? Kinder aus der Retorte? Alte Menschen und Robotik? Krankenpflege und Computer? Wo sind die Erkenntnisse von Psychologie, Pädagogik, von Soziologie und Quantenphysik, von der Humanität?

Hier steht „Zerreiß die Bande“, löst euch von Begrenzungen, Beengungen, Verengungen, Einschnitten, die das menschlich Sein zum Erliegen bringen.

Wenn wir als individueller Mensch dies angreifen, uns trauen, uns und unserer eigenen Stimme, dann sagt der Vers:

„So, von Verlangen befreit, sollst du im Erdenleben ruhig und heiter ziehn deines Weges.“

Ja, das Verlangen nach Gesundheit, das Verlangen nach ewigem Leben, das Verlangen nach Bedürfnisbefriedigung, das Verlangen nach…, immer wieder Verlangen nach…- genau dies ist stets zu hinterfragen.

Die kleine Kalea, die Mittwoch operiert wird, hat nicht verlangt, krank zu sein, dennoch geht sie ihres Weges, egal, wie dieser aussieht. Sie tut dies mit uns allen an ihrer Seite, so dass ihre eigene Stimme ihr sagen kann:

Ja, befreit von allem Verlangen, ziehe ich ruhig und heiter meines Weges.

Dies wünsche ich allen Menschen auf der Erde. Im Schmerz das Verlangen sterben zu lassen. In der Gier, das Suchen zu vergessen. Im Zustand der Macht, die Mächtigkeit abzugeben. Das ist Vertrauen. Das ist Menschlichkeit.

Der Vers heißt:

  1. Verzicht

Mach dich frei von Lebenslust, von Dünkel,

Von Unwissenheit und der Zerstreuung Wirrsal;

Zerreiß die Bande; so nur erreichst du

Wirklich das Ende der Pein. Wirf von dir die Kette

Von Geburt und Tod – du weißt, was sie bedeuten.

So, von Verlangen befreit, sollst du im Erdenleben

Ruhig und heiter ziehn deines Weges.

(Der Buddha, Psalmen der frühen Buddhisten, I, Ivi, Das tibetische Totenbuch, Walter Sonderausgabe 1995, S. 17)

Alles Gute für alle Menschen!

Trauer und Abschied

Absolute Präsenz und beständige Abwesenheit

Wie ihr alle wisst, bin ich eine Zen-Frau. Sicherlich noch keine formelle, die ich wahrscheinlich gar nicht mehr werden kann, weil ich so lange gar nicht leben kann und auch die finanziellen Mittel dafür nicht habe, aber ich bin eine wirklich gute informelle Zen-Frau, die mit ihren eigenen Erfahrungen die Praxis des Zazen mit Freude weiterreicht.

In diesem Zusammenhang begann ich vor mehr als einem Jahr Frauenbücher zu studieren, die von Zen-Frauen geschrieben wurden oder über Zen-Frauen berichten. Eines dieser Bücher ist „Das verborgene Licht“ von Florence Caplow und Susan Moon. Es ist ein dickes Buch voller Geschichten und Kommentaren. Zen-Geschichten, in denen Frauen eine Rolle spielen. Zen-Geschichten, die von Zen-Frauen kommentiert werden.

Das verborgene Licht Florence Caplow
Empfehlenswert! Ein Arbeitsbuch!
„Trauer und Abschied“ weiterlesen

Biene Maja

Biene Maja · KINO.de

In den letzten Tagen des alten Jahres und den ersten Tagen des neuen Jahres war die Familie meines Sohnes zu Besuch. Mein Enkelkind Linus, fast drei Jahre alt, hört gerne Geschichten.

Ich las ihm aus Biene Maja vor. Kassandra, die Lehrerin der Biene Maja, setzte Maja in ihrer ersten Ausbildungseinheit mit folgendem auseinander. „Die erste Regel, die eine junge Biene sich merken muss, ist, dass jede in allem, was sie denkt und tut, den anderen gleichen und an das Wohlergehen aller denken muss. Es ist bei der Staatsordnung, die wir seit undenkbar langer Zeit als die richtige erkannt haben und die sich aufs Beste bewährt hat, die einzige Grundlage für das Wohl des Staates.“

Kassandra sagt, dass wir allen anderen gleichen und dies eine gute Grundlage für den Staat sei. Wie wenig denken wir derzeit an all die anderen?

Was ist mit Obdachlosigkeit? „Ein Mann mit grauem Bart. Seit vier Jahren lebt er auf der Straße. Schlimme Zeiten habe er erlebt, „aber das, was jetzt ist, ist ganz schlimm.““

Obdachlosigkeit: Bald könnte es 1,2 Millionen Menschen ...
Obdachlosigkeit in Berlin

Die Zahl der Hungernden auf der Welt steigt.

37 Länder werden bis 2030 an der Herausforderung scheitern, ein niedriges Hungerniveau zu erreichen, prognostiziert die Welthungerhilfe. Denn während der prozentuale Anteil derer, die ihren täglichen Kalorienbedarf nicht decken können, stagniert, steigt ihre absolute Zahl an. So blieb der Anteil der unterernährten Menschen an der wachsenden Weltbevölkerung seit 2018 konstant bei 8,9 Prozent. Gleichzeitig stieg die absolute Zahl der Hungerleidenden seit 2018 um zehn Millionen auf nunmehr 690 Millionen Menschen an. Vor fünf Jahren waren es noch rund 630 Millionen Menschen gewesen.“

Von diesen Hungernden sind ein großer Teil Kinder.

Weltweit hungern knapp 821 Millionen Menschen
Vielleicht hätte dieses Kind die Lösung für die Wasserprobleme der Weltbevölkerung!

„Am 17. September veröffentlichte „Save the Children“ eine Untersuchung mit dem Titel „150 Millionen Kinder durch Covid-19 zusätzlich in Armut gestürzt“. Armut wird dabei definiert als multidimensionale Armut, das heißt, wenn ein Kind keinen Zugang zu Erziehung, Gesundheit, Wohnung, Ernährung, sanitäre Anlagen oder Wasser hat. Unter dieser Art multidimensionaler Armut leiden demnach momentan rund 1,2 Milliarden Kinder in Schwellen- und Entwicklungsländern.“

Die deutschen Wirtschaftsnachrichten sagen mehr als klar und deutlich, zugänglich für jeden im Netz:

„Danach könnten aufgrund der sozialen und ökonomischen Folgen der Pandemie zum Ende des Jahres 2020 etwa 12.000 Menschen pro Tag sterben – das wären schätzungsweise 2.000 mehr als an Corona selbst (im April 2020 lag der Spitzenwert der mit oder an Corona Gestorbenen bei etwas über 10.000). „Hunger dürfte uns schneller töten als das Coronavirus“, heißt es wörtlich in der Studie.“

Infografik: Das Hunger-Maßband. Aktion Deutschland Hilft
Wonach hungert die westliche Welt?

Wie sieht es in all diesen Fällen mit unserer Gleichheit aus? Wo ziehen wir privat unsere Grenzen hoch? Womit beruhigen wir unser Gewissen? Was sehen wir überhaupt? Was nehmen wir für wahr? Wie klein oder groß ist unser Horizont? Wo beginnt er? Wo hört er auf?

In all den entstandenen Entscheidungen des letzten Jahres und den noch anstehenden Entscheidungen des neuen Jahres gilt es nicht die Fragen im Rahmen einer bestimmten Nationalität zu beantworten, sondern es gilt eine globale Antwort aufzutun.

Diese globale Antwort ist nicht mit Impfen ja oder nein zu beantworten, nicht mit Distanz und Masken, sondern mit ehrlicher Auseinandersetzung der weltlichen Zustände.

Diese globale Antwort ist nicht mit Impfen ja oder nein zu beantworten, nicht mit Distanz und Masken, sondern mit ehrlicher Auseinandersetzung der weltlichen Zustände.

Gefährdung der arktischen Umwelt | Umweltbundesamt
Natur – Müllhalde einer so scheinbar zivilisierten Welt
Warum Fleischessen die Umwelt zerstört
Für Fleisch stirbt der Regenwald.
Ecuador lebt vom Öl - und nimmt die Abholzung des ...
Abholzung für Öl in Ecuador

Der große Zenmeister Richard Baker Roshi schreibt in seinem Neujahrsbrief an die Mitglieder der zen-buddhistischen Gemeinde:

„Während ich diesen Brief schreibe, werden die ersten Covid-19 Impfungen verabreicht. Gegen die bereits eingetretene globale Erwärmung und gegen die längst laufenden globalen Wandlungsprozesse des Anthropozäns wird es keine Impfmöglichkeit geben. Der einzige Schutz, den wir hier als Individuum haben, sind Resilienz, Mut und Weisheit. Auf gesellschaftlicher Ebene werden uns nur weitsichtige Staatsräson, wissenschaftliche Durchbrüche und globale Kooperation schützen. Unsere einzige Hoffnung auf Heilung wird in einer ausgesprochen klugen, weisen und zukunfts-mitfühlenden Nutzung unserer Potenziale liegen.“

Resilienz, Mut und Weisheit erlangt der individuelle Mensch, wenn er sich auf den Weg macht. Auf den Weg machen, bedeutet, Distanzen zu überwinden, Masken niederzureißen und wahrlich jeden Menschen als des Gleichen zu betrachten. Und nicht nur Menschen, sondern überhaupt Lebendiges. Gibt es wirklich etwas, was nicht lebendig ist?

Möchte einer mit dem hungernden Kind in Bangladesch tauschen, von denen derzeit jedes vierte Kind verstirbt?

Möchte einer mit dem Aids-Kranken in  Botswana tauschen, die jetzt noch ärmer sind?

Möchten einer von uns mit dem Obdachlosen tauschen, der nicht einmal mehr weiß, wo er sich waschen kann?

Studenter i Manchester vill stoppa staty av Gandhi som ...

Mahatma Gandhi sagt: „Hunger ist die schlimmste Form der Gewalt.“ Ist im Angesicht dieser Wahrheiten nicht wirklich Mut und Weisheit gefragt? Die Weisheit loszugehen und zu tun? Die Weisheit, die Masken fallen zu lassen und Distanzen aufzuheben, um nicht noch mehr Menschen das Leben zu nehmen, wo wir doch angeblich Menschenleben retten wollen und dies dem Wohle des Volkes dienen soll?

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder sagt am 17.11.2020 im Interview mit Christian Deutschländer und Mike Schier für den Merkur: „Ich nehme jedes einzelne Argument auf. Ich bitte aber alle, das große Ganze zu sehen und nicht nur die Betroffenheit des Einzelnen. Wir haben stark wachsende Todeszahlen in Deutschland. Das einfach achselzuckend in Kauf zu nehmen, obwohl man Leben retten könnte, wäre eine ethische Kapitulation. Ich kann das mit meinem Gewissen nicht verantworten.“

Hört die Ganzheit schon an der bayrischen Grenze auf oder an den Deutschen? Sind die Todeszahlen in Deutschland wichtiger als Todeszahlen von verhungernden Menschen? Achselzucken, obwohl man Leben retten kann, eine ethische Kapitulation? Sie ist bereits eingetreten. In dem Augenblick, indem die westliche so zivilisierte Gesellschaft sich auf ihren Profit verlegte und die Menschheit aus dem Auge verlor, indem Moment begann ein Virus zu wachsen.

Globale Verantwortung ist Verantwortung. Es ist Weisheit. Und zeigten die Menschen den Mut, zu ihren Taten (Profit, Gewinn, Macht, Konsum) zu stehen, könnten sie sie verändern. Wenn wir uns nicht bei jedem Tun, bei jeder Produktion fragen, was machen wir mit dem Material, wo kommt es her, wie gesund ist es, wer verdient oder stirbt daran, dann ist das eine ethische Entscheidung mit Weitblick.

Wir sind Menschen. Menschen sind Sterbliche. Sterbliche sind jeden Alters. Jedes Alter ist lebendig. Lebendigkeit ist pflanzlich, tierisch und und und, auch virell. So vieles kennen wir nicht. Lebendigkeit nährt sich von Totem. Totes nährt sich von Lebenden. Beides ist einander gleich, nur ein winzig kleiner Moment entscheidet über die Form das Daseins. Mit welchem Maßstab wollen wir verantwortlich ethisch entscheiden, dass unsere Menschenleben in Deutschland mehr wert sind, als die Hungernden Menschen in Bangladesch oder Afrika, Südamerika und auch in Deutschland, wo laut Armutsbericht gerade durch das Virus die sozial schwachen Familien mit Kindern besonders betroffen sind. Auch mein Enkel Linus ist davon betroffen. Die Marburger Uni-Klinik mit angeschlossenem Autismus-Zentrum sagte gerade zu mir am Telefon, dass sie verlangen, dass auch das nicht einmal dreijährige Kind eine Maske tragen müsse. Auf die Frage, wie ein Kind mit Autismus eine Maske aufgesetzt werden soll, kam die Antwort, das ist Gesetz. Ist das ethische Verantwortung? Was für Folgen hat das für das Kind?

Nehmen wir unsere Verantwortung ernst wie die Lehrerin Kassandra bei Biene Maja, indem wir uns klarmachen, wir gleichen den Anderen, auch einem Virus. Resilienz erreichen wir durch Frischluft, Auseinandersetzung mit Keimen, mit Meditation und Respektanz der Ganzheit allen Lebens. Mut ist sich einzugestehen, dass es ein Ende des vorgestellten Lebens gibt. Weisheit ist das Tun des Richtigen im Sinne des Ganzen.

Die Biene Maja | Bild 26 von 54 | moviepilot.de

In diesem Sinne mögen wir alle mutig genug sein, die Weisheit zu leben.

Weihnachten 2020 „Die vertikale Welt trifft die horizontale Welt“

In dem wunderbaren Buch „Der Weg der neun Welten“ von Eric Julien finde ich diesen Satz. Ich finde, dass dieser Satz so deutlich wiedergibt, was uns dieses Jahr gezeigt hat.

Der Weg der neun Welten - Julien, Eric
Ein wirklich empfehlenswertes Buch!

Die vertikale Welt verbindet Himmel und Erde, Leben und Tod, Geburt und Sterben, Nähe und Distanz, Zuwendung und Abwenden. Die horizontale Welt kennt lebendiges Treiben, Wachstum, Fortschritt, Vorwärts-Treiben, Stress, Zukunft, Ausgerichtet-Sein.

Die horizontale Welt hat vergessen, dass ihre Welt nur existiert, weil es Leben und Tod gibt, weil es Geburt und Sterben gibt. Die Angst, die Bedrohung durch einen Tod, der in Form eines Virus auftaucht, zeigt plötzlich, dass es da noch eine Welt gibt – diese merkwürde vertikale Welt, die Himmel und Erde verbindet, die Leben und Tod zu einer Einheit werden lässt.

Weihnachten ist die Geburt eines Kindes.

Ein Christ ist ein Kind zu Weihnachten in einer Krippe im ...

Jede Geburt ist ein Zeichen der absoluten Nähe der vertikalen und horizontalen Welt. Schauen wir hin, sehen wie deutlich, dass jedes Geboren-Sein ein Sterben-Sein beinhaltet. In unserer menschlichen Vorstellung scheint ein Raum dazwischen. Doch, wo ist die Grenze? Wer bestimmt sie? Wie sollte sie aussehen?

Die Menschen haben die Verbindung zu einer Einheit von Geboren-Sein und Sterben-Sein verloren. Es ist für sie fremd geworden. Wir haben in den letzten Jahren diese Perspektive wie viele andere „outgesourct“.  Dieses Wort sagt mehr als es scheint. Ja, wir haben nicht nur wirtschaftliche Bereich ausgelagert, sondern auch gesellschaftliche Bereiche. Wir haben diese ausgelagerten Bereiche auf Inseln verfrachtet. Die Insel der Kinder das sind Kindertagesstätten, Kindergärten, Schulen, Tageseinrichtungen, Vereine. Die Insel der Alten sind Seniorenwohnanlagen. Die Insel der Behinderten sind beschützende Werkstätten und betreutes Wohnen. Die Insel der Sterbenden sind Hospize und Palliativstationen. Wir lagern unser Leben immer weiter aus. Wir halten nicht mehr zusammen, sondern wir trennen uns, lösen Verbindungen auf. Eric Julien beschreibt dies am Beispiel der Kogi-Indianer. Sie leben mit der Natur in der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien. Sie leben die Verbundenheit von Geburt und Sterben. Sie haben die Verbindung von Himmel und Erde nicht gelöst, sondern weisen in ihrem Tun tagtäglich darauf hin, dass diese Verbindung der horizontalen und der vertikalen Welt eine gemeinsame Welt ist. Diese beiden Welten gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille. Sie sind die beiden Welten, die auch tagtäglich in uns selbst, in jedem Menschen sprechen. Es ist der Geist und der Körper. Es ist der Körper und der Geist. Wie sollten wir sie trennen können? Was hindert uns ihre absolute Nähe zu begreifen?

Dieses Jahr hat uns deutlichst gezeigt, dass eine Trennung nicht fruchtet. Die Anzahl der Infizierten steigt. Warum steigt sie? Was passiert hier eigentlich wirklich? Ist es nicht so, dass wir einem gesunden Körper hinterherlaufen, obwohl ein gesunder Körper nur genau hier an dem Ort sein kann, wo ein Mensch ist? Ist es nicht so, dass jede Krankheit nicht dort draußen entsteht, sondern genau hier an diesem Ort, an dem wir als Mensch gerade stehen. Ja, es existiert ein unbekanntes Virus, aber haben wir uns schon einmal die Frage gestellt: Was mag das Virus? Was mag es nicht? Was hindert einen Baum am Virus zu erkranken? Oder hat er ihn längst und kennt seinen Wirkungsgrad und damit das Heilmittel des Eigenen?

Im Zeit-Magazin vom 10.12.2020 wird über die spanische Grippe vor genau 100 Jahren berichtet.

Spanish Flu | PAUL ANDREWS
Menschen sterben. Menschen leben. Menschen sind traurig. Menschen sind glücklich. Menschen sind lebendige Wesen wie ein Baum, ein Tier, ein Stein, eine Pflanze oder ein Virus. Jedes Leben ist wertvoll. Jedes Leben zeigt uns etwas!

Jörg Burger fasst die wenigen historischen Belege in Zitaten und Gedanken zusammen. Auffallend in den Zeitzeugen-Berichten, ist die „relative Gelassenheit, mit der all diese Erinnerungen von der Spanischen Grippe berichtet wird“. Was bedeutet dies? Haben wir in den letzten Jahren durch die Verinselung und Outsourcing verlernt, uns mit der Allgegenwärtigkeit des Todes auseinanderzusetzen? Damals war gerade der erste Weltkrieg vorbei. Es gab keinen Haushalt, der nicht Tote zu betrauern hatte. Von den geborenen Kindern starben um 1900 noch jedes fünfte Kind. (Quelle: https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/lebensstationen/1_18.htm)

1930 starben von 500 Frauen 310 Frauen bei der Entbindung. Den Menschen waren Geburt und Sterben vertraut. Es gehörte zum Alltag. Es gehörte zum lebendigen menschlichen Sein.

Es gab kein Outsourcing. Erkrankte an der spanischen Grippe wurden in der Hauptsache daheim gepflegt. Die medizinische Versorgung bestand aus Lindenblütentee und Schwitzpackungen. Ein Arzt gesteht in den historischen Aussagen, dass er das einjährige schwer erkrankte Kind und dessen Vater, der vom Fieber abgezehrt nur noch aus Haut und Knochen bestand, aufgegeben hatte. Er nahm der Frau, die nicht erkrankte, jedoch die Hoffnung nicht. „Beide Kranken genasen“.

Hier zeigt sich noch ein anderer Aspekt. Vor 100 Jahren wurde nicht selbstverständlich davon ausgegangen, dass Kranke abgesondert werden. Es war selbstverständlich, dass die Pflege eines Kranken daheim stattfand.

Mich entzündet immer wieder die gleiche Frage: Wo ist unsere Menschlichkeit? Was macht unsere Menschlichkeit aus? Haben wir nicht nur wirtschaftliche und gesellschaftliche Dinge outgesourct, sondern auch das Menschliche? Wo ist es nun? Wo können wir es noch sehen?

Geld macht Menschen nicht glücklich, sagt der Volksmund.

Viktor Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn

Viktor Frankl stellt in seiner Logotherapie klar heraus, dass der Mensch einen Sinn braucht in seinem Leben. Sinn ensteht durch Tun. Wenn wir den Menschen ihr Tun nehmen, in Form ihres Arbeitsplatzes, dann geht der Sinn verloren. Nicht nur der abstrakte Sinn, sondern tatsächlich das Sinnen der Sinne reduziert sich. Sinnen und Nachdenken stehen im engen Kontakt. Die Pädagogik weiß um die Wichtigkeit von Bewegung für die Gehirnentwicklung. Bewegung bedeutet Sinnlichkeit. Sinnlichkeit bedeutet neuronale Netzwerke bauen. Neuronale Netzwerke sind Netzwerke, die wie ein Pilzgeflecht in der Natur Verbindungen herstellen. Verlieren wir unser Tun verlieren wir unsere Natur, die menschlich ist. Was hindert uns diese verbindenden Netzwerke der Sinne zu sehen? Warum glauben wir, dass nur noch das Netzwerk aus 0 und 1 einer Maschine, ein bestehendes Netz ist? Was ist mit den Netzen von 00001 und 1234556 und den abertausend anderen Arten von Netzen?

Die Natur hat in diesem Jahr mehr als deutlich gezeigt: Hier bin ich. Schaut her. Das ist Natur. Natur ist geboren werden und sterben. Natur ist Wandel und Veränderung, Augenblick für Augenblick. Wir können nichts festhalten. Nicht einmal Inzidenz-oder Fallzahlen. Alles unterliegt einem Wandel. Warum vertrauen wir uns nicht mehr? Warum vertrauen wir einer Technik, die Zahlen zählt, aber nicht die Menschlichkeit? Warum fordern wir digitale Welten, obwohl die direkte menschliche Welt greifbar vor unserer aller Nasen liegt? Warum wollen wir nicht sterben, obwohl wir alle wissen, dass dies unser aller Schicksal ist? Warum meinen wir die vertikale Welt missachten zu können, indem wir die horizontale Welt vertechnisieren und als die eine wirkliche Welt vorstellen?

Ich bitte Sie inständig, sich für die menschliche Nähe zu entscheiden. Ich bitte Sie inständig, sich für das menschlich sinnliche Tun zu entscheiden. Ich bitte Sie inständig, sich der Verbindung von Leben und Sterben klar zu sein.

Der junge Wissenschaftler Merlin Sheldrake

Verwobenes Leben | Merlin Sheldrake | HÖBU.de

schreibt in seinem wunderbaren Buch „Verwobenes Leben“ über die Zusammenhänge von Pilzen und Lebensfähigkeit von Pflanzen, Tieren und Menschen. Er zitiert die Anthropologinnen Natasha Myers und Carla Hustak. „Der Begriff „Evolution“ [fängt] …das Leben … nicht angemessen ein. … Für sie beschreibt der Begriff der Involution [einbeziehen] viel besser das verwobene Schieben und Ziehen von ˃ Organismen, die ständig neue Wege erfinden, um mit-und nebeneinander zu leben˂“.

Ist es nicht genau das, was wir gerade verweigern? Weigern wir nicht, anzuerkennen, dass eine neue Lebensform Teil eines Mit-uns-Sein lebt?

Sheldrake sagt mit diesen beiden Anthropologinnen: „Indem die Beteiligten sich zusammentun, überwinden sie ihre früheren Grenzen.“

Mit diesem Gedanken bedanke ich mich für das alte Jahr, dass mir deutlich menschliche Grenzen gezeigt hat, wo keine sein sollten. Mit diesem Gedanken freue ich mich auf das neue Jahr, indem sich die Beteiligten Virus und Mensch, Natur und Mensch, Ökonomie und Ökologie, Geburt und Sterben, vertikale und horizontale Welt zusammentun, um frühere Grenzen zu überwinden, um jeden Augenblick Geburt zu leben.

Lasst uns gemeinsam und jeder für sich, die eigenen Grenzen überwinden und im Zusammen-Sein die Stärken neu entdecken, die das menschliche Mensch-Sein ausmachen.

Liebes Virus

Ends of AIDs in sight as HIV-suppressing drugs succeed in ...
Hoppla, das sind AIDS-Viren!

In den letzten Monaten hast du uns vieles gelehrt. Du hast uns gelehrt:

Masken zu tragen und vom Mitmenschen Abstand zu halten. Du ließest zu, dass alte Menschen alleine sterben, dass Kinder keine anderen Kinder zum spielen haben, dass Mütter in Verzweiflung gerieten, weil sie nicht wissen, was sie mit ihren Kindern machen sollen, wenn sie arbeiten gehen müssen. Du hast uns Aufgaben gegeben, die wir nicht geahnt hätten lösen zu können, aber wir konnten. Du bist der Verursacher aller dieser Maßnahmen, ohne dass du dich je dazu äußern könntest, weil deine Stimme ist unbekannt wie ein Fremdsprache. Bei Fremdsprachen sind wir neugierig, sie zu erlernen, aber dich will keiner haben. Seltsam.

Eigentlich bist du ja auch gar nicht der Verursacher dieser Lehren, sondern diese Lehren lehrt uns eine Macht, die Staatsmacht heißt.

In Wirklichkeit lehrst du uns etwas ganz Anderes. Du legst den Finger in die Wunden der Gesellschaft. Alte Menschen wohnen in Seniorenanlagen, so heißt es heute und nicht mehr Altenheimen. Fragt sich unsere Gesellschaft noch, ob das die richtige Wahl ist? Ist mit Geld und Pflegestufen das Alt-Werden des Menschen zu reglementieren, ohne dass die Menschlichkeit verliert?

Pflegeexperte Claus Fussek - "Die Würde des Menschen ist ...
Alt-Werden immer eine Freude? Alt-Werden in Würde?

Du zeigst uns, dass in Massenunterkünften, egal ob Tier oder Mensch, eine Lebenswelt existiert, die nicht lebenswert ist, weil der Wert des Lebens nicht gesehen wird, sondern nur der Geldwert.

"Epidemiologisch gesehen eine Katastrophe": Weshalb ...
Notunterkünfte eingezäunt ?

Du zeigst uns die wachsende Zwei-Klassen-Gesellschaft, die sich immer mehr verbreitet. Es ist ein Unterschied in einem Einfamilienhaus mit Kindern zu leben oder in einer 50 qm großen Mietwohnung mit vier Personen. Es gibt noch gar kein Recht auf Arbeit im Grundgesetz, aber nun gibt es Forderungen nach einem Gesetz für Homeoffice. Welche Gesellschaft spiegelt sich hier?

Einführung in das Social Engineering + Teil-1 ...

Du zeigst uns, dass wir tatsächlich aus lauter Angst vor dem eigenen Tod und dem Tod anderer, wir wirklich lieber auf jede menschliche Nähe verzichten. Dass unsere Angst vor dem Tod so groß ist, dass wir uns gegenseitig voneinander entfernen und Medien und Politik die Entscheidungen überlassen.

Unser Leben: Wie wollen wir sterben? | ARD Mediathek
Entscheiden wir selbst bestimmt unser eigenes Sterben?

Du zeigst uns, dass das globale Zusammenspiel keine Grenzen kennt.

Du gabst uns zu verstehen, dass wir nur hinschauen müssen, um zu erkennen, was für ein feines Netzwerk von Natur und Mensch besteht. Während sich die Menschen voneinander entfernen, werden Urwälder niedergemacht, die vielleicht gerade zu deinem Entstehen beigetragen haben oder dein Entstehen verhindern könnten. Die Grenzenlosigkeit des Zusammenspiels ist immer noch eine nicht akzeptierte Tatsache. Statt allein jeder für sich, wäre hier der Weg eines weltweiten menschlichen Tuns offen, dass wirklich Schritte in eine menschliche und naturfördernde gemeinsame Welt schafft. Fragen nach Energie, Ernährung, Wasser sind die Kernaufgaben der ganzen Menschheit. Die Grenzenlosigkeit des Zusammenspiels könnte jetzt geübt werden.

Nur ein landwirtschaftliches Feld?

Aber irgendwie liebes Virus sind die Menschen seltsame Wesen, statt die unverzichtbare menschliche Nähe, die überhaupt erlaubt, dass der Mensch sich fortpflanzen kann, dass er einen neuen Menschen aufziehen kann, dass er in Krankheit gepflegt werden kann, dass er Liebe und Freude teilen kann, erlaubt sich der Mensch auf all sein Menschlich-Sein zu verzichten, weil er vor dir und dem Deinen Angst hat.

Im großen Spiel des Lebens ist das wahrhaft ein deutliches Zeichen menschlicher Unreife, denn sowohl du liebes Virus als auch wir, also jeder Mensch, jede Pflanze, jedes Tier, einfach jedes lebendige Wesen stirbt.

Sollten wir in der Geschichte der Menschheit nicht mehr gelernt haben, als uns an Zahlen auszurichten, die auf Hypothesen beruhen?

Sollten wir Menschen nicht mehr gelernt haben, als dass die Isolation des Menschen, in diesem besonderen Fall sogar von Mensch zu Mensch, denn jeder könnte ja infiziert sein, uns mehr schadet als nützt?

Sollten die meisten Menschen nicht wissen, dass sie gesund sind, weil da gibt es ja so etwas wie ein Gefühl, eine innere Stimme? Aber die bringen wir schnell zum schweigen, denn die politische Macht und das mediale Gefüge, das uns eine Art Feindbild schenkt, die wissen, was zu tun ist?

Sollten wir nicht alle Menschen umarmen, den Kranken, den Sterbenden, den Gesunden, den Hoffenden, den Liebenden, den Hassenden, lehren uns das nicht die Religionen der Welt?

Umarmung Foto & Bild | emotionen, freundschaft, spezial ...
Innige Umarmung bei Freude, bei Trauer, bei Liebe, bei Hass?

Du, liebes Virus zeigst uns mehr als deutlich, wie unreif und wenig weise wir so verstandesmäßige Menschen sind. Unser Verstand funktioniert nur so lange nicht der Tod droht. Ist dieser in Sicht, dann greifen wir zu jedem Mittel, selbst wenn dies heißt, dein krankes Kind darf nur noch die Mutter oder der Vater besuchen, den Sterbenden darf nicht die ganze Familie besuchen, die Alten dürfen keinen Besuch im Heim empfangen, Intensivstationen sind wichtiger als menschlicher Kontakt, usw.

Als Philosophin stellt sich mir hier einfach die Frage, lieber Virus, brauchst du das alles wirklich oder willst du nur in Ruhe dich auch in diesem großen Kreislauf des Lebens zeigen, gesehen werden, so wie wir, um dann in Ruhe sterben zu können wie jeder Mensch auf der Welt.

Lass uns von dir lernen, wie du lebst, was du uns zeigen möchtest. Gib uns die Möglichkeit der Welt ein Gesicht zu geben, dass die Menschlichkeit als weises Fundament nicht vergisst, um dir und uns allen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Im Buddhismus spricht man von der Ungetrenntheit der Dinge. Was sollte mich von dir trennen, Virus? Du bist schon längst da. Du lebst. Du stirbst. Das normale Werden und Vergehen.

Warum sollten wir die Menschheit aufs Spiel setzen, die du doch nur unterstützen würdest, wenn wir dich lassen würden. Du kennst die Pflege, die Zuwendung, das Versorgen.

Wenn der Mensch dich lieben lernt, lernt er sich selbst kennen wie er jetzt ist, denn du bist hier, wie ein Spiegel unseres Seins.

Du sagst einfach: Schaut, was ihr aus mir macht?

Aber, das bin nicht ich!