„Alle Menschen lieben“ Donnerstag, 14.Mai 2020

Drei so starke Worte, dass es kaum fassbar scheint, dass sie ausgesprochen sind. „Alle oder alles“, wie es in der deutschen Sprache so schön heißt, was ist das wirklich? „Alles“, was existiert, welch eine Größe ist das? Wollten wir es in Worte fassen, so würden sie nicht reichen. Wollten wir es in Taten fassen, so würden auch diese nicht reichen. Würden wir schweigen und still sein und zuhören, so würde auch das nicht reichen. Wirklich alles zu erfassen, ist einfach unmöglich.

Hannover, Niedersachsen, Herrenhauses, Alles, Garten
Wirklich „alles“!

Allerdings gibt es eine Erfahrung, die die Mystiker wie Christus, Buddha und andere lehren, die genau das „Alles“ erfahrbar machen lassen kann. Übrigens schreibe ich in meinem Buch „Nicht-Dualität“ genau darüber. Warum ich dies tue, steht in der Einleitung.

Doch kehren wir zu den drei Worten zurück. Menschen, Mensch-Sein, menschlich sein – berühmte Philosophen der Welt, auch ich in meinem Buch „Was ist menschlich-sein?“ gehe dieser Frage auf den Grund. Doch seltsamerweise ist auch dieses Wort, ein Wort, das wir nicht richtig fassen können. Wir können es beschreiben, aber es bleibt immer nur Stückwerk. Wir können das Mensch-Sein nicht in seinem Ganzen begreifen. Wir haben die Wissenschaft der Biologie, Psychologie, Virologie, Pädagogik, Soziologie, Philosophie, Ökonomie entwickelt. Jede betrachtet das Mensch-Sein aus der jeweiligen Perspektive.

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Wissen schaffen!

Doch je mehr wir schauen, je kleiner die Welt sogar wie in der Quantenphysik wird, es gelingt uns einfach nicht, das Menschliche ganz zu begreifen.

Teilchenbeschleuniger, Gsi, Quantenphysik, Darmstadt
Teilchenbeschleuniger

Genau dies unterscheidet uns nach wie vor, selbst vor der besten Künstlichen Intelligenz, die Programmierer gestalten. Gerd Gigerenzer, Psychologe und Leiter des Max-Planck-Instituts in Berlin schrieb mit seinen Studenten das wunderbare Buch „Bauchentscheidungen“. In diesem Buch gibt er ein einfaches Beispiel, dass die Differenz Mensch-Computer kennzeichnet.

„Petra und Paul heirateten, und Petra wurde schwanger. Petra wurde schwanger, und Petra und Paul heirateten. […] Woher wissen wir auf einen Blick, was »und« im jeweiligen Kontext bedeutet?“ (Gigerenzer 2007, S. 107–108)  

Genau dieses Mensch-Sein kann ein Programmierer jedoch nicht in eine Programmiersprache umwandeln, weil diese kennt nur Befehle, die in elektrische Impulse mit Ja/Nein enden. Doch, dieses Etwas, was da in dem „und“ mitschwebt, ist merkwürdigerweise nicht handhabbar und eins zu eins umsetzbar. Dies ist auch das feinfühlige Problem, das hinter dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Altenheimen steht. In bestimmten Situationen wird es eine Erleichterung bringen, aber es sollte dieses feine kleine sensitive „und“ nicht vergessen werden. Sonst könnte es geschehen, dass das Mensch-Sein sich in Künstliche Intelligenz auflöst, weil der Mensch glaubt, dass er das wirklich sei. Siehe meinen Beitrag hier auf der Blogseite mit der Sufi-Geschichte mit dem Krückstock. https://co-philosophie.de/2020/04/30/donnerstag-den-16-april-2020-von-gewohnheiten-die-zur-realitaet-werden/

Ja, und dann dieses unendlich große Wort „lieben“, „Liebe“. Vor kurzem schickte mir eine Freundin eine mp3-Datei mit dem „Hohen Lied der Liebe“, einen Text, den Paulus an seine Gemeinde in Korinth schrieb.

Chagall, Gedanken zum Hohen Lied der Liebe

Als ich diese wunderbare Aufnahme hörte, musste ich weinen. Übrigens, Weinen, ist auch ein typisch menschlich-seiendes Zeichen. Kein Computer der Welt kann dies, weil er kennt dieses „Gerührt-sein“, dieses „Berührt-Sein“ nicht. Kein Programmier-Team der Welt kann dieses Gefühl in Worte und Zeichenketten verwandeln, weil es ist nicht einheitlich, sondern absolut individuell. Ich weine bei Rührung sehr schnell. Andere beginnen zu tanzen, zu singen, sich auf die Schenkel zu klopfen, in die Luft zu springen, still zu lächeln oder oder oder. Der Mensch ist einfach unendlich.

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Die Unendlichkeit des menschlichen Seins

„Alle Menschen lieben“, was bedeutet das? Heißt dies nicht, dass ich immer alle Menschen und einfach „alles“ irgendwie mit in mein Boot nehme. Den afrikanischen Massai, der wegen ausbleibenden Touristen seine Arbeit und damit sein Einkommen verliert, der jetzt noch zusätzlich durch eine Heuschreckenplage vom Hunger bedroht ist? Das syrische Waisenkind, das im Krieg seine Eltern verlor? Den Bettler in unseren Fußgängerzonen, der nun lange niemanden vorfand, der ihm ein Almosen gab? Aber, auch den Regenwald im Amazonas, der gerade uralt gewachsene Bäume in großem Stil verliert. Bäume, die teils älter sind als 2000 Jahre, d.h. die sozusagen Christus noch live gesehen haben. Ich selbst umarmte in Brasilien einem Baum, der 400 Jahre alt war.

Novo Petropolis, Brasilien, 400 Jahre alter Baum oder besser Bäumin

Es war berührend, was dieser Baum wusste. Jeder Baum trägt dazu bei, dass die Atmosphäre, in der wir leben, die ja auch grenzenlos ist, weil sie kennt kein Deutschland, USA oder China, uns mit erhält. Sie tragen zu dem Sauerstoff bei, den wir atmen. Wie kleinlich scheint im Angesicht dieser Vernichtung von Lebensraum, auch unseres eigenen, egal wie weit es weg scheint, eine Angst vor einem Erreger? Alle Keime können krank machen, sogar die, die als „normal“ für unseren gesunden Körper gelten. Ja, wie bei jeder Krankheit können wir sterben. Ja, wie bei jeder Krankheit können wir Folgen davon tragen.

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Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?Johannes 11:25-26 | LUT

Sprechen wir jedoch davon, dass wir „alle Menschen lieben“ so sprechen wir auch von dem „menschlich sein“. Kein Mensch kann jedoch „menschlich sein“ ohne den Sauerstoff der Atmosphäre, ohne die Welt der Pflanzen, Tiere oder Dinge des alltäglichen Lebens, ob es der Holzlöffel ist oder die Bettelschale. Besondere Aufmerksamkeit verdient „alle Menschen lieben“, weil, wenn wir dies wirklich tun, wir jeden Menschen deutlich sichtbarer für uns, jeden Einzelnen in seiner Bedeutung, jedes Individuum und dadurch schlussendlich ich selbst.

Autokommunikation, Gespräch, Selbstgespräch
Alle und Ich.

Dogen Zenji, Zen- Meister des Soto-Zen sagt: „Den Buddhismus studieren heißt sich selbst studieren. Sich selbst studieren heißt sich selbst in jedem Moment vergessen.“ (Suzuki 2008, S. 38) Das heißt, es gibt zwei Wege. Einmal von sich selbst zu den Anderen und umgekehrt. Beide Wege sind Wege, die das Wesen von „alle Menschen lieben“ klärt.

Mönch, Hände, Zen, Glauben, Person, Männlich, Beten
Die offene leere Schale!

Literaturverzeichnis

Gigerenzer, Gerd (2007): Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewußten und die Macht der Intuition. Unter Mitarbeit von Aus dem Englischen übertragen von Hainer Kober. 3. Auflage. München: Bertelsmann Verlag.

Suzuki, Shunryu (2008): Seid wie reine Seide und scharfer Stahl. Das geistige Vermächtnis des großen Zen-Meisters. 3. Aufl., Taschenbucherstausg. Hg. v. Edward Espe Brown. München: Heyne ([Heyne-Bücher], 70036).

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