Dienstag, den 7. April 2020 „Eine Sufi-Geschichte vom Vertrauen“

Ein munterer sprudelnder Bach erreichte die Wüste und fand, daß er sie nicht überqueren konnte; seine Wasser versickerten zu schnell in dem feinen Sand. Laut sagte er: „Es ist meine Bestimmung, diese Wüste zu überqueren, aber ich sehe nicht, wie.“ […] In der verhüllten Sprache der Natur antwortete die Wüste: „Der Wind geht über die Wüste hin, das ist auch Dein Weg.“

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Geschichte von Idries Shah, Die Sufis

„Aber so oft ich es versuche, trocknet der Sand mich fort. Und selbst, wenn ich Anlauf nehme, schaffe ich es nur ein kurzes Wegstück.“

„Der Wind stürmt nicht gegen den Sand der Wüste an.“

„Aber der Wind kann fliegen, und ich nicht.“

„Du denkst in die falsche Richtung. Erlaube dem Wind, Dich über den Sand zu tragen.“

„Aber wie soll das gehen?“

„Geh auf im Wind.“

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Das gefiel dem Bach gar nicht. Er fürchtete, auf diese Weise seine Individualität zu verlieren. Würde er denn dann überhaupt noch existieren? Dies, sagte der Sand, sei eine Form der Logik, die mit der Realität nichts zu tun habe. „Der Wind nimmt die Feuchtigkeit auf, trägt sie fort über die Wüste und läßt dich dort zur Erde niederregnen. Und der Regen wird wieder ein Bach.“

„Aber, woher weiß ich, dass das auch wahr ist?“

„Es ist so, und Du mußt es glauben, sonst wird der Sand Dich weiterhin aufsaugen, bis Du nach ein paar Millionen Jahren ein Sumpf wirst.“

„Aber, wenn das so ist, werde ich derselbe sein wie jetzt …drüben?“

„Jedenfalls kannst Du nicht genauso bleiben, wie Du jetzt bist. Aber Du hast gar keine Wahl; das scheint Dir nur so. Der Wind wird von Dir nehmen, was unangreifbar ist, Dein Wesen. Wenn Du in den Bergen jenseits des Sandes wieder ein Bach wirst, mag wohl der Mensch Dich dort anders nennen, aber Du wirst wissen, daß Du im Innersten derselbe bist. Du magst Dich heute als einen Bach dieser oder jener Art bezeichnen, doch weißt Du nicht, welcher Teil von Dir Dein Wesen ist.“

So erhob sich der Bach in die geöffneten Arme des Windes, der ihn langsam und behutsam aufnahm, über die Wüste trug und auf den Berggipfeln eines fernen Landes sanft und sicher wieder absetzte.

„Jetzt“, sagte der Bach, „weiß ich wirklich, wer ich bin.“

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Eine Frage beschäftigte ihn aber noch: „Warum konnte ich das nicht selbst herausfinden; warum hat der Sand es mir sagen müssen? Was wäre geschehen, wenn ich ihm nicht zugehört hätte?“

Wispernd kam die Antwort, es war die Stimme eines Sandkorns: „Nur der Sand weiß; er hat es sich ereignen sehen, und er erstreckt sich vom Fluß bis in die Berge.“

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